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Kulturtasche

Seit neuestem darf ich nicht einmal mehr entscheiden, was ich in meiner Tasche aufbewahre! Rossipotti hat einfach meine Fotos und Texte rausgeworfen und erklärt, dass ich jetzt nur noch sein Notebook transportieren solle! Als ich lautstark dagegen protestierte, sagte er: "Davon gibt's doch Millionen im Netz!"
Von wegen! Natürlich kann ich im Internet beinahe unendlich viele Bilder und Texte ansehen. Aber was haben diese Ausschnitte mit mir zu tun? Nichts!
Die Intensität der Begegnung geht gegen null und hat nicht mehr Tiefe als die Unterhaltung mit einer Küchenfliese!
"Du hast eben keine Ahnung von der kreativen Kraft von Ausschnitten!" sagte Rossipotti zu mir, als ich nicht aufhörte, mich gegen seinen Eingriff zu beschweren. "Gehe zu Henry Koch in seinen Fragmente-Salon und lerne eine positive Einstellung gegenüber Bruchstücken!"
Da ich im Unterschied zu Rossipotti tatsächlich nicht Brüche, sondern Kontinuität bevorzuge, streite ich nicht länger mit ihm, sondern mache mich auf den Weg zu Henry. Ich bin froh, dass er da ist und Zeit für mich hat! Denn im Unterschied zu Rossipotti will er weder sein Notebook in meine Tasche stecken, noch will er mir ein Foto von einer fremden Frau als meine Freundin verkaufen. Statt dessen bringt er mir völlig unaufdringlich die Welt der Fragmente näher! Und deshalb weiß ich seit dem Interview: Fragmente können tatsächlich Freundschaften fördern!

 © Rossipotti No. 15, Mai 2007