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Salon Albert

Hallo Kinder,

seid ihr bereit für eine achtzigtägige Reise um die Welt?
Prima!
Dann packt schnell zwei wollene Nachthemden und drei paar Strümpfe ein, sucht bei der bei der Bahn eine Verbindung nach Venedig aus, und trefft euch dort mit dem Reiseschriftsteller Helge Timmerberg im Marco Polo:

In achtzig Tagen um die Welt
2. Kapitel: Venedig
Double Check im Karneval

[...] Hotelzimmer werden mit Liebe oder mit Hass eingerichtet. Die mit Liebe eingerichteten sind auch nicht immer ungefährlich, denn nicht alle Liebenden haben Geschmack. Und nicht alle Hassenden sind geschmacklos. Das KGB-Zimmer zum Beispiel, das ich gestern nacht in München hatte, das war Hass MIT Geschmack. Weil das Bild in sich stimmte. Hass ohne Geschmack sieht dann so aus wie das Zimmer 107 des "Marco Polo". Hier stimmt nichts mehr. Der Raum ist lang, hoch und sehr, sehr schmal; er mutet eigentlich wie die Hälfte oder, let's face it, wie das Drittel eines ehemals großen und normal geschnittenen Zimmers an, durch das man wahllos Mauern gezogen hat, um es dreifach zu vermieten. So ein Schlauch ist, ich weiß, immer schwer einzurichten, selbst mit gutem Willen. Man müsste es minimalistisch probieren, wenig Möbel, schönes Holz, mönchsklausenhaft. Statt dessen haben sie ihn über Jahre mit allem vollgemüllt, was woanders im Wege stand. Sperrmüll, aber King-size. Mehr gestaut als abgestellt. Feng-Shui ist kein Quatsch: Das bringt böse Stauenergien. Und man kann sich dem nicht einmal durch einen Blick aus dem Fenster entziehen, denn einen halben Meter hinter dem Fenster ist nur die nächste Hauswand zu sehen. Mauern, Müll und keine gerade Linie, die Ewigkeit suggeriert, kein sanfter Bogen, der harmonisiert, kein Kreis, der Tiefe schafft. Sobald man dieses Zimmer betrifft, ist Krieg.
Ich stelle meinen Rucksack ab und setze mich aufs Bett. Es gibt Zimmer, die man mit Meditation umdrehen kann. Dieses nicht. Es gibt Zimmer, die man mit Lesen vergessen kann. Dieses nicht. Hier geht wieder nur eins: saufen, saufen, saufen. Irgendwo da draußen. Egal was und so viel, dass ich sofort einschlafe, wenn ich nachher wieder aufs Bett falle, aber nicht so viel, dass ich vorher noch kotzen muss. Das ist ein guter Plan. [...]

"Wann sind wir endlich in Venedig?" fragt Palmina.

"Sind wir doch schon", sagt Robin. "In einem hässlichen Hotelzimmer des 'Marco Polos'."

"Ach so", sagt Palmina. "Aber warum werfen wir dann nicht einen Blick auf die Stadt?"

"Weil wir mit Helge Timmerberg verreisen", sagt Albert. "Und der hat keine Lust auf Venedig, weil dort gerade Karneval ist."

"Hm", macht Palmina. "Dann peilen wir eben die nächste Station an."

"Das wäre dann Triest."

"Hört sich langweilig an", findet Emma. "Können wir nicht nach Griechenland fliegen?"

"Doch", sagt Albert. "Allerdings nicht fliegenderweise. Wir fahren mit Helge Timmerberg vom italienischen Brindisi mit dem Schiff nach Patras."

"Wie schön!" ruft Lyra. "Die gleiche Strecke bin ich auch schon mal gefahren. Da liegen kleine und große Inseln in einem türkisblauen Meer. Und auf den Inseln kann man Wälder und Wasserfälle erkennen. Ganz verzaubert sieht das aus!"

"Patras können wir meiner Meinung nach überspringen", sagt Albert ohne auf Lyra weiter einzugehen. "Patras gefällt dem Autor zwar, aber er selbst sieht auch nur eine Straße davon. Fahren wir also lieber gleich mit dem nächsten Schiff weiter nach Kreta."

"Warum will er denn nach Kreta?" fragt Robin. "Sieht er denn von der Insel mehr als von Patras?"

"Immerhin den alten Hafen von Chania und ein Hotelzimmer mit wunderschönem Ausblick", sagt Albert. "Außerdem schwelgt er hier in Erinnerungen an einen früheren Aufenthalt und er hat einen bedeutungsvollen Traum von einem Gefängnis, der ihm abrät, nach Ägypten weiter zu reisen: 'Geh nicht nach Ägypten!'."

"Das hört sich spannend an", sagt Palmina. "Werden wir in Ägypten von der Polizei verfolgt?"

"Nein, wir landen hier nur ganz kurz, um dann nach Indien weiter zu reisen", antwortet Albert. "Das Gefängnis war nur ein kribbeliges Gedankenspiel des Autors. Und der Grund für den kurzen Aufenthalt in Ägypten."

"Gedankenspiele kann ich auch zu Hause haben!" mault Kevin.

"Stimmt!" meint auch Emma. "Überhaupt passiert bei dieser Reise weniger als bei meiner Oma auf dem Dorf!"

"Eine gute Gelegenheit, das erste Paar Socken zu wechseln!" schlägt Albert vor. "In Bombay kann es nicht schaden, saubere Füße zu haben."

Emma, Robin, Palmina, Kevin und Lyra wechseln erwartungsvoll ihre Strümpfe und machen sich für den Abflug von Kairo über Kuweit nach Indien bereit:
Albert drückt auf Google Earth und schon fliegen alle in Nullkommanix von Kreta nach Ägypten und von dort über Kuweit weiter nach Bombay.

"Indien", sagt Albert und blubbert verträumt in seiner Flasche. "Das Mekka aller Sinnsuchenden!"

Palmina verdreht die Augen und Robin stöhnt.

"'Indien ist ein Gegenunsiversum, ein Parallelplanet, eine Erde II, die schwer zu bereisen ist, weil man entweder von ihr abgestoßen oder verschluckt wird. Mir ist beides oft passiert, und dieses Mal sieht es nach Verschlucktwerden aus'", sagt Albert.

"Ich wusste gar nicht, dass du schon mal in Indien warst", sagt Palmina.

"War ich auch nicht", sagt Albert. "Der Satz stammt von Helge Timmerberg."

"Und wozu brauchen wir jetzt die sauberen Socken?" fragt Lyra neugierig.

"Für den Guru, der Helge auf den richtigen Weg bringt!" antwortet Albert. "Helge alias Tim sagt darüber zwar nichts, aber ich denke trotzdem, dass sich beim Guru alle die Schuhe ausgezogen haben."

"Was ist ein Guru überhaupt?" fragt Emma.

"Ein religiöser Lehrer der Hindus, Sikhs und Buddhisten", sagt Albert. "Ein Guru ist jemand, der einem sagt, wie man leben soll. Deshalb gehen heute auch viele Europäer oder Amerikaner zu den Gurus, einfach um einen guten Rat von ihnen zu bekommen. Am besten hört ihr euch Helge Timmerbergs Geschichte dazu an:

9. Kapitel Bombay II
Der Guru

[...] Der Guru sitzt in seinem Schaukelstuhl und schaukelt. Er macht das energisch, er gibt richtig Gas. Er ist sechsundachtzig, klein, dünn und zahnlos. Der eingefallene Mund mildert die Strenge seines Cäsarengesichts. Seine schütteren weißen Haare passen gut zu der weißen Baumwollhose und dem überlangen, weißen indischen Hemd. Er schaukelt barfuß. Morgenlicht fällt in den Raum, der angenehm temperiert ist. Durch die offenen Fenster kommt der Wind herein und zirkuliert. Ein frischer, sauberer Wind vom Meer. Man kann es von hier sehen, wenn man am richtigen Fenster steht. Acht Stockwerke unter uns hupen die Straßen von Bombay. Etwa dreißig Leute sind heute beim Guru. Die wenigsten von ihnen sind Inder. Sie sitzen auf Stühlen, auf dem Boden, an der Wand. Wer eine Frage hat, setzt sich direkt vor ihn und bekommt ein Mikrophon angesteckt, wie im Fernsehen. Der Guru trägt auch eins am Hemd. Eine Videokamera läuft. Die CD kann man mitnehmen.
"Wie heißt du?" fragt Ramesh.
"Tim", sage ich.
"Aha, Tim. Und du kommst aus ...?"
"Deutschland."
"Aha, Tim aus Deutschland. Und was kann ich für dich tun, Tim?"
"Ich schreibe Reisebücher."
"Ich verstehe."
"Und jetzt bin ich gerade auf einer Weltreise."
"Ich verstehe."
"Und mein Problem ist, dass ich mich nicht entscheiden kann, wie es weiter geht. Ob ich mit dem Zug oder mit dem Flieger nach Kalkutta will."
Ramesh unterbricht abrupt sein Schaukeln und richtet sich ein wenig auf.
"Und warum, Tim, glaubst du, das ich dir darauf eine Antwort geben kann? Bin ich ein Reisebüro?"
Alle im Raum lachen, den Guru selbst schüttelt es vor Heiterkeit, ich lache auch ein bisschen mit, obwohl mir nicht wirklich danach zumute ist.
"Nein, Ramesh, es geht im Grunde nicht um Zug oder Flugzeug, es geht nicht darum, wofür ich mich nicht entscheiden kann. Es geht um das Nichtentscheidenkönnen an sich, als psychologische Fehlfunktion oder als schwacher Charakterzug oder als Geburtsfehler, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nie entscheiden kann. In der Liebe, im Beruf, in allem eigentlich, und das bringt extrem viele Probleme mit sich. Es ist ein Fluch in meinem Leben."
"Ich verstehe." Ramesh schaukelt wieder. "Also, Tim, ich denke, dass es so etwas gibt. Es gibt Menschen, die sich nicht entscheiden können. Und wenn das bei dir so ist, Tim, dann ist das dein Weg. Dann ist das so von Gott gewollt, oder vom Urknall, oder wie immer du die Quelle von allem Existierenden nennen willst. Weißt du, was ich an deiner Stelle tun würde, Tim?" Ramesh unterbricht wieder sein Schaukeln und richtet sich auf. Er macht eine Handbewegung, die mir bekannt vorkommt. "Wenn ich mich nicht entscheiden könnte, Tim, würde ich eine Münze werfen. Denn niemand kann behaupten, dass Menschen, die es mit einer Münze tun, weniger erfolgreich sind, als Menschen, die sich auf traditionelle Weise entscheiden."

"Das ist klug!" sagt Kevin beeindruckt. "Ganz egal wie wir uns entscheiden: Wir können nichts falsch machen!"

"Das ist dumm!" sagt Robin. "Denn wenn wir nichts falsch machen können, können wir auch nichts richtig machen!"

"Wie auch immer", sagt Albert. "Für Helge oder Tim war es auf jeden Fall eine große Offenbarung und er kann jetzt unbekümmert nach Bangkok weiter reisen: Das Schicksal kommt wie es kommt. Und deshalb entscheidet sich Helge Timmerberg für den Flieger. Weil es bequemer und schneller als mit der Bahn ist. Wir nehmen die noch schnellere Variante mit Google Earth."

Albert gibt in dem Suchfeld "Anfliegen" Bangkok ein und die Bildschirm-Erde dreht sich von Bombay aus ein weiteres Stück nach Osten. In Sekundenschnelle fliegen alle über den Indischen Ozean nach Thailand.

"Ich habe mir eine achtzigtägige Weltreise irgendwie anders vorgestellt", sagt Palmina. "Hier ist jede einzelne Station so schnell vorbei, als wäre sie nie dagewesen."

"Mmmh", macht Lyra. "Wie bei rotierenden Rädern, die völlig ruhig aussehen."

"Heißt das, dass ihr lieber noch ein bisschen in Bombay geblieben wärt?" fragt Albert.

Lyra und Palmina nicken.

"Dann lasst uns doch einen kurzen Abstecher zu Jules Vernes Reisehelden Phileas Fogg und seinem Diener Passepartout machen", schlägt Albert vor.
Er gibt bei Google Earth wieder Bombay an und erklärt während des kurzen Rückflugs: "Im Unterschied zu Helge Timmerberg hat es Phileas Fogg wirklich eilig. Denn er muss wegen einer Wette die Erde in 80 Tagen umrunden. Wenn er es nicht schafft, verliert er 20.000 Sterling, das ist die Hälfte seines Vermögens. Außerdem sind in der Zeit, in der Phileas Fogg und Passepartout unterwegs sind, nämlich Ende des 19. Jahrhunderts, die Verkehrsmittel nicht so schnell und es gibt natürlich noch keine Flugzeuge."

Albert gibt in das Suchfeld "Allahabad" ein und sagt: "Die beiden Reisenden haben auf ihrer Zugfahrt nach Kalutta übrigens ziemlich Pech. Denn 50 km vor Allahabad hören plötzlich die Schienen auf und sie müssen auf einem Elefanten weiter durch den Dschungel reisen. Mit ihnen reist der Brigardegeneral Sir Francis Cromarty und ein indischer Parse, der den Elefanten führt. Als der Elefant unruhig wird, versteckt der Parse den Elefanten und die Reisegesellschaft im Gebüsch und kurz darauf werden alle Zeuge einer seltsamen Prozession."
Albert schlägt Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" auf und liest:

12. Kapitel
In welchem sich Phileas Fogg und seine Gefährten quer durch den indischen Dschungel wagen, und was sich daraus ergibt.

[...]
Der Prozession voran schritten mehrere Priester, die Mitren und lange bestickte Gewänder trugen. Die nun folgenden Männer, Frauen und Kinder psalmodierten eine Art Totenklage, welche in gleichmäßigen Abständen von Tamtam- und Zimbelschlägen unterbrochen wurde. Dahinter tauchte auf einem Wagen mit riesigen Rädern, deren Speichen und Felgen ineinander geflochtene Schlangen darstellten, eine abscheuliche Statue auf, die von einem doppelten Gespann prächtig aufgeputzter Zebus gezogen wurde. Die Statue hatte vier Arme, einen dunkelrot bemalten Rumpf, wilde Augen, wirres Haar, die Zunge baumelte ihr aus dem Mund, die Lipppen waren mit Henna und Betel gefärbt. Um den Hals trug sie ein Kette aus Totenköpfen, ihre Hüften umschlang ein Gürtel aus abgeschlagenen Händen. Diese Statue stand auf dem geköpften Leib eines Riesen.
Sir Francis Cromarty erkannte sie sofort.
"Die Göttin Kali", murmelte er, "die Göttin der Liebe und des Todes!"
"Des Todes, da stimme ich zu - aber der Liebe? Nie und nimmer!" meinte Passepartout. "So eine garstige Vettel!"
Der Parse bedeutete ihm zu schweigen.
Um die Statue tanzten mit wilden Gebärden unter krampfhaften Zuckungen mehrere alte Fakire herum, zebraartig mit ockergelben Streifen bemalt und von oben bis unten mit kreuzförmigen Schnitten übersät, aus denen Blut tropfte - stumpfsinnige Fanatiker, die sich bei großen Hindu-Zeremonien immer noch vor die Räder des Dschagannath-Wagens warfen.
Dahinter folgten einige Brahmanen in ihren prunkvolln orientalischen Gewändern. Sie schleppten eine Frau mit sich, die sich kaum auf den Beinen halten konnte.
Diese war noch sehr jung, weiß wie eine Europäerin. Kopf, Hals, Schultern, Ohren, Arme, Hände und Zehen waren mit Juwelen, Halsbändern, Armreifen, Broschen und Ringen überladen. Unter einer goldbestickten Tunika, von dünnem Musselin bedeckt, zeichnete sich ihre Gestalt ab.
Wächter mit blanken Säbeln und langen damaszierten Pistolen im Gürtel trugen hinter dieser jungen Frau - welch grauenvoller Kontrast! - einen Toten auf einer Sänfte einher.
Es war der Leichnam eines alten Mannes, in die kostbare Kleidung eines Radschas gehüllt. Wie im Leben trug er einen perlenverzierten Turban, ein Gewand aus golddurchwirkter Seide und einen diamantenbesetzten Kaschmirgürtel, in dem die prächtigen Waffen eines indischen Fürsten steckten.
Den Schluss des Zuges bildeten etliche Musikanten und eine Nachhut aus Fantikern, deren Gekreisch bisweilen sogar den ohrenbetäubenen Lärm der Instrumente übertönte.
Sir Francis Cromarty betrachtete all diesen Pomp mit sonderbar trauriger Miene und sagte zum Führer gewandt:
"Ein Satti!"
Der Parse nickte und legte den Finger auf die Lippen. Die große Prozession wälzte sich langsam unter den Bäumen dahin, und bald waren die letzten Reihen in den Tiefen des Waldes verschwunden.
Nach und nach verhallten die Gesänge. Ein paar Mal drang noch aus der Ferne Geschrei herüber, dann folgte auf den ganzen Tumult wieder tiefe Stille.
Phileas Fogg hatte Sir Francis Cromartys Bemerkung gehört und fragte gleich nachdem die Prozession verschwunden war: "Was ist das, ein Satti?"
"Ein Satti, Mr. Fogg", antwortete der Brigadegeneral, "ist ein Menschenopfer, aber ein freiwilliges. Die junge Frau, die Sie soeben gesehen haben, wird morgen früh kurz nach Tagesanbruch verbrannt."
"Ha, diese Schurken!" rief Passepartout, der einen Aufschrei der Empörung nicht unterdrücken konnte.
"Und der Leichnam?" fragte Mr. Fogg.
"Das ist der Leichnam des Fürsten, ihres Gatten", erwiderte der Führer. "Er war ein unabhängiger Radscha im Bundelkhand."
[...]
Der Führer hatte dem Bericht des Brigadegenerals kopfschüttelnd zugehört und sagte jetzt:
"Die Opferung morgen früh bei Sonnenaufgang findet nicht freiwillig statt."
"Woher wollen Sie das wissen?"
"Das ist im ganzen Bundelkhand bekannt!", erwiderte der Führer.
"Aber die Unglückliche schien keinen Widerstand zu leisten", bemerkte Sir Francis Cromarty.
"Weil man sie mit Haschisch und Opium betäubt hat", erklärte der Führer.
"Und wohin bringt man sie jetzt?"
"In die Pagode von Pilladschi, zwei Meilen von hier. Dort muss sie die Nacht verbringen und auf ihre Todesstunde warten."
"Und wann soll die Opferung stattfinden?"
"Morgen, bei Tagesanbruch."
[...]
"Und wenn wir diese Frau retten würden?"
"Diese Frau retten? Aber Mr. Fogg!" rief der Brigadegeneral.
"Ich habe noch 12 Stunden Vorsprung. Die könnte ich dafür nehmen."
"Sie an! Sie hören auf die Stimme Ihres Herzens!" rief Sir Francis Cromarty.
"Manchmal", erwiderte Phileas Fogg schlicht. "Wenn ich Zeit dazu habe."

Albert schlägt das Buch zu, nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen.

"Du kannst doch nicht einfach aufhören zu lesen!" sagt Kevin. "Nicht jetzt, wo unsere Reise endlich spannend wird!"

"Erfundene Romanhelden können einfach aufregendere Abenteuer erleben als reale!" stimmt Lyra Kevin zu. "In echt würde sich niemand trauen, die Frau zu retten!"

"Für phantastische Geschichten stimmt das sicher", sagt Albert. Er klopft auf Jules Vernes Buch und sagt: "Aber nicht für realistische Reiseromane."

"Jules Verne ist doch einer der ersten Science Fiction Schriftsteller", meint Lyra. "Dann wird seine Geschichte um Phileas Fogg und Passepartout doch kein realistischer Reiseroman sein!"

"Eigentlich schon", sagt Albert. "Denn Jules Verne wollte zumindest in diesem Roman möglichst nahe an der Wirklichkeit bleiben. Wenn man den ganzen Roman kennt, merkt man auch, wie er sich bemühte, die Landschaft und die unterschiedlichen Völker möglichst wirklichkeitsgetreu wieder zu geben."

"Obwohl er in den meisten Ländern nie gewesen ist?" fragt Palmina. "Wie realistisch kann denn das Buch sein, wenn er das meiste nur recherchiert und angelesen hat?"

"Ziemlich", sagt Robin überzeugt. "Wie wir uns heute mit Satellitenbildern von Google Earth oder Videoeinsprengseln von You tube um die ganze Welt beamen, umrundete Jules Verne die Welt mit Hilfe von Zeitungen und Büchern. So betrachtet war Jules Verne nicht nur einer der ersten Science Fiction Autoren, sondern auch einer der ersten modernen Medienreisenden."

"Und sein Held Phileas Fogg war einer der ersten modernen Touristen", fährt Albert Robins Gedanken fort. "Wie die meisten Pauschaltouristen heute lässt Phileas Fogg nämlich die einzelnen Länder nur wie einen Film an sich vorbeirauschen, ohne große Empfindungen und Erlebnisse."

"Ich denke, er hat es furchtbar eilig?" wirft Emma ein. "Dann war er doch sicher sehr nervös und immer in der Angst, etwas könnte seine Wette gefährden? Und war Reisen damals nicht insgesamt viel gefährlicher und damit auch aufregender als heute?"

"Das ist nur eine Frage der Wahrnehmung", meint Albert. "So wie sich heute viele Touristen selbst noch dann sicher fühlen, wenn sie in ein Krisengebiet reisen oder im Dschungel mit dem Boot einem Krokodil vor die Schnauze fahren, so hat auch Phileas Fogg überhaupt keine Bedenken, dass ihm irgendetwas zustoßen oder er gar seine Wette verlieren könnte. Jules Verne beschreibt ihn als jemanden, der so viel Gefühle wie ein Uhrwerk hat. Im Unterschied zu den Touristen heute hält er es allerdings nicht einmal für nötig, sich selbst oder anderen Emotionen vorzuspielen. Nein, ein Phileas Fogg geht nicht an Deck seines Luxusdampfers, um sich die Meerluft um die Nase wehen zu lassen oder vorbeiziehende Küsten zu bewundern, sondern zieht es vor, die Strecke im Restaurant abzusitzen!"

"Dann ist Jules Vernes Roman also noch langweiliger als Helge Timmerbergs Reisetagebuch?" fragt Kevin enttäuscht. "Und du hast uns bereits die spannendste Stelle daraus vorgelesen?"

"Nicht ganz", sagt Albert. "Noch haben sie die Witwe des Radschas nicht befreit, noch ist Passepartout nicht in Japan verloren gegangen und noch haben sie nicht den Indianerüberfall in Amerika überstanden. Aber insgesamt hat Phileas Fogg tatsächlich nichts anderes im Sinn, als pünktlich seine Mahlzeiten zu bekommen, mit anderen Reisenden Whist zu spielen und alle paar Tage frische Socken anzuziehen. - A propos! Zeit für einen Sockenwechsel. Oder wollt ihr lieber eines eurer wollenen Nachthemden anziehen?"

Robin und Lyra entscheiden sich für die Nachthemden, die anderen Kinder begnügen sich mit einem zweiten paar Socken.

"Dann würde ich vorschlagen, dass wir wieder mit Helge Timmerberg weiter reisen?"

Die Kinder nicken.

"Weil wir in Indien so viel Zeit verloren haben, überspringen wir Bangkok, Hongkong und Shanghai und fliegen direkt nach Tokio in Japan."

Albert gibt bei Google Earth "Tokio" ein, klappt Helge Timmerbergs Buch auf und liest:

15. Kapitel: Die Bar der Zen-coholics

[...] Obwohl am nächsten Tag Sunshine City und der Rest von Tokio natürlich wieder voller Menschen sind, vergeht das Gefühl, mutterseelenallein zu sein, überhaupt nicht. Es wird stärker. Und ist bald das alles dominierende Reiseerlebnis. Niemand auf der Straße nimmt Notiz von mir, niemand will mich ansehen, und wenn sich trotzdem zufällig mal die Blicke kreuzen, erschrecken die Leute sich. Ich komme mir vor wie ein Virus in ihrem Programm. Was ist hier los? Die Chinesen würden sagen, das ist allerfeinstes Yin-Yang; im Zentrum der japanischen Höflichkeit lauere eiskalte Ignoranz. Aber die Chinesen sind parteiisch. Japan hat sie zweimal überfallen und unvorstellbare Kriegsverbrechen bergangen. Ich glaube nicht, dass es Ignoranz ist; ich glaube, sie haben einfach nur Angst, angesprochen zu werden und ihr Gesicht zu verlieren, weil sei kein Englisch sprechen. Jeder, den ich nach dem Weg zu U-Bahn fragen will, schüttelt den Kopf, sagt "hihi" und beschleunigt seine Schritte. Hinzu kommt, dass sie mich auch nicht sonderlich interessieren. Nichts an ihnen scheint echt zu sein. Alles ist Kopie, trotz ihrer Markentreue. Sie tragen Louis Vuitton, Boss und Armani wie eine Verkleidung und haben über die Jahre vergessen, wen sie verkleiden. Wer sie sind. So kommt's mir vor, aber ich weiß noch nicht, ob es stimmt. Merkwürdig ist auch, dass jeder zweite Jugendliche wie eine fleischgewordene Comicfigur aussieht: grüne Vogelkämme statt Frisuren, totgeschminkte Augen und Kettenkrawatten. [...]
Meine Beine bringen mich zur Bar der Zen-coholics. Ich spüre es schon beim Reinkommen: Hier ist was los. Hier geht die Post ab. Hier sitzen ein paar supereinsame Gestalten kerzengerade an der Theke und starren geradeaus. Ein Barhocker zwischen ihnen ist noch frei. Während ich mich setze, überlege ich, ob ich gleich wieder aufstehen soll, denn ich fühle, wie ich in einem depressiven Kraftfeld Platz nehme. Von rechts und links wabert mich Extremautismus an. Das kann ins Auge gehen, aber weil mir einfällt, dass man als Schreiber auch mal was wagen muss, bleibe ich sitzen. Die Bar ist teuer und geschmackvoll, doch sehr streng eingerichtet. Keine Musik. Das Licht ist meditativ. Und die Flaschen stehen wie ein Heer von Samurai vor den Spiegeln. Alle Gäste tragen dunkle Anzüge, nur die Frau neben mit sitzt im Kostüm da. Am besten gebügelt ist der Barkeeper. Hose, Weste, weißes Hemd, Manschette, dazu ein kurzgestutzter Silberbart und die Aura eines Kriegers. Die Konzentration, mit der er uns abfüllt, ist rituell. Er serviert mir das Getränk mit einer Bewegung, die ich kenne, aber in diesem Umfeld nicht vermutet habe. Zuerst stellt er mein Glas auf seiner Seite der Theke ab. Er atmet ein, baut sich auf, beim Ausatmen schiebt er es mir rüber, stoppt kurz und bringt es dann mit einem finalen Schub in die endgültige Position. Das ist Karate, sage ich. Nein, sagt er, Aikido. Dasselbe macht der Barkeeper mit dem Wasser und dem Aschenbecher. Und natürlich steht die Dreierformation millimetergenau auf Linie, und die Abstände dazwischen scheinen ebenfalls exakt vermessen zu sein. Ich trinke und halte es wie die anderen Gäse: Ich reihe das Glas immer wieder genau in die Formation ein. Wenn ich der Meinung bin, dass sie nicht mehr stimmt, korrigiere ich. Das mache ich automatisch. Und es ergibt automatisch Sinn. Es geht um Harmonie und die ihr innewohnende Kraft, und es geht darum, immer wieder die Balance herzustellen, wenn man alleine trinkt. Darum sitzen hier alle kerzengerade, darum macht hier keiner ein blödes Gesicht, obwohl alle geschieden, überarbeitet und unglücklich sind. Die Frau neben mir, die in dem Businesskostüm, stöhnt manchmal ganz kurz auf, und wahrscheinlich ist es auch nur ein Seufzen, aber das ist wirklich alles, was hier an Kontrollverlust passiert.
Ich bin zufrieden. Ich habe die Samurai gefunden. Sie lehren mich, dem Unglück aufrecht ins Auge zu sehen und den Blick schweigend zu ertragen. [...]

"Oh", sagt Lyra. "Zum Glück habe ich ein Wollhemd an!"

"Ja, ziemlich kalt die Textpassage!" sagt Robin.

"Nicht gerade zum Aufwärmen", stimmt Kevin zu. "Es wird Zeit für ein Überlebenstraining bei Juan."
Er packt seine Strümpfe und die Wollsachen in eine Tasche und verlässt den Raum.

"Und ich habe gleich einen Termin", sagt Emma.
Sie zieht ihre Strümpfe aus und legt sie ordentlich nebeneinander.

"Wenn das so ist, gehe ich auch", sagt Palmina.

"Und was wird aus unserer Reise?" fragt Albert entsetzt. "Wir haben doch erst die Hälfte des Wegs zurück gelegt!"

"Was kann nach Japan und den modernen Samurai denn noch kommen?" fragt Robin. "Begegnung mit dem Nichts?"

"Ganz im Gegenteil!" ruft Albert. "Das pralle Leben! Farben, Formen, Gerüche. Mexiko City."

"Und das nach Japan?" fragt Lyra. "Dann steige ich auch aus. Meine Aura ist noch auf konzentrierte Distanz eingestellt. Da kann ich nicht nach Mexiko City."

"Und was wird aus meiner Wette?" fragt Albert.

"Welche Wette?" fragt Robin.

"Ich habe mit Rossipotti um einen Schokopudding gewettet, dass ihr 80 Tage mitreist!"

"Wie unrealistisch", sagt Emma.

"Wie fahrlässig!" sagt Robin.

"Wie schade", sagt Lyra.

"Wie seltsam", sagt Palmina. "Hättest du dir nicht denken können, dass es für uns viel abenteuerlicher ist, unterwegs auszusteigen, als bis zum Schluss auf den ausgetretenen Spuren von Jules Verne und Helge Timmerberg zu reisen?"

"Tut uns leid, Albert", sagt Robin. "Aber deinen Schokopudding hast du offensichtlich an Rossipotti verloren!"

* * *

Helge Timmerberg: In 80 Tagen um die Welt. Rowohlt Berlin Verlag. Berlin 2008.

Jules Verne: In 80 Tagen um die Welt. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 2003.

 © Rossipotti No. 18, Juli 2008