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Kulturtasche

 

Interview mit Shaun Tan, Illustrator

Das Interview führte dieses Mal Sarah Wildeisen (Kulturtasche)

Foto: © Allen and Unwin, Australia

Shaun Tan wurde 1974 in der Nähe von Perth (Australien) geboren. Mit 16 Jahren begann er Science Fiction- und Horrorgeschichten für kleine Magazine zu illustrieren. 1995 schloss er sein Studium der Kunst und englischen Literatur an der University of Western Australia ab und fing gleich danach als freier Künstler, Illustrator und Autor zu arbeiten. Heute ist er außerdem Regisseur von Animationsfilmen.
Shaun Tan ist sowohl in seiner Heimat als auch international für seine illustrierten Bücher, die soziale, politische und historische Themen auf surreale, also überwirkliche, traumhafte Weise bebildern, bekannt.
Er hat für seine Bücher viele Auszeichnungen bekommen. Darunter der New South Wales Premier's Literary Award für die Graphic Novel Ein neues Land und der Deutsche Jugendliteraturpreis für Geschichten aus der Vorstadt des Universums. Im Februar 2011 hat er zusammen mit Andrew Ruhemann für den animierten Film The Lost Thing sogar den Oscar erhalten.
In Deutschland sind bisher seine bebilderten Bücher
Ein neues Land, Geschichten aus der Vorstadt des Universums, Ein neues Land und Die Fundsache erschienen.

Kulturtasche: Der Name "Shaun Tan" klingt irgendwie asiatisch, sie sind aber Australier. Wie kommt das?

"Tan" ist die malayische Schreibweise des chinesischen Nachnamen meines Vaters. Er ist Chinese und lebte bis 1960 in Malaysia. Dann wanderte er nach Australien aus, um dort Architektur zu studieren. Dort lernte er meine Mutter kennen, die englisch-irischer Abstammung ist. "Shaun" ist die englische Schreibweise eines irischen Namens.

Haben sie schon immer gerne gezeichnet?

Ja, aber bis ich in die Schule kam, fiel mein Talent nicht auf. Ich war an meiner Schule der einzige Junge, der chinesisch aussah und ich war sehr klein. Dafür zeichnete ich immer. Bald war ich für meine Mitschüler nicht mehr der "kleine Chinese", sondern der Junge, der sehr gut zeichnet.

Wollten sie schon als Kind Künstler werden?

Mein Vater ist Architekt und so war es für mich ganz normal einen zeichnenden Erwachsenen zu Hause zu sehen. Trotzdem, dachte ich als Kind niemals, dass Zeichnen mein Beruf werden könnte. Für mich fühlte es sich mehr wie eine Art Hobby an. Bei uns zu Hause hieß es, bevor man ein Künstler werden kann, musste man zunächst einen richtigen Beruf erlernen. Ich habe sehr viel gelesen und dachte eigentlich, dass ich Schriftsteller werden will.

Wie kamen sie zum Illustrieren?

Als ich 16 Jahre alt war, wurde in einem australischen Science-Fiction-Magazin eine Illustration, die ich für eine Geschichte, die Roboterkänguru hieß, gezeichnet hatte, veröffentlicht. Da war ich noch auf der Highschool und keiner wusste, wer ich war. Plötzlich wurden mir lauter Geschichten von erwachsenen Autoren angeboten, die ich illustrieren sollte. Die dachten, ich sei älter, ein erwachsener richtiger Illustrator. Nun machte ich, während ich gerade meinen Highschool-Abschluss machte, Illustrationen. Das war sehr anstrengend. Als ich dann auf die Uni ging, um Kunst und Literatur zu studieren, illustrierte ich immer noch, meisten Science-Fiction-Geschichten. Dazu dachte ich mir eigene Geschichten aus, auch Science-Fiction-Sachen.

Habe Sie an der Uni auch Illustrieren gelernt?

Nein, all mein Können habe ich auf der Highschool gelernt. Ich war auf einer guten Highschool mit einem erweiterten Kunstprogramm. Jeden Samstag arbeitete man den halben Tag mit einem praktizierenden Künstler zusammen. Drei Monate mit je einem Künstler, das macht vier verschiedene Künstler im Jahr. Mit dem einen formte man einen Kopf, beim nächsten lernte man mit Ölfarbe umzugehen, ein anderer brachte einem bei, wie man Radierungen macht.

Wie sind sie dazugekommen, Kinderbücher zu illustrieren?

Nach der Universität war ich praktisch arbeitslos, da ich dort nicht unbedingt einen bestimmten Beruf gelernt hatte. So dachte ich, dass ich vielleicht als Kinderbuchillustrator Arbeit finden würde. Ich zeigte meine Arbeiten bestimmten Verlagen, Schriftsteller empfahlen mich weiter und so konnte ich bald meine Miete davon bezahlen, dass ich illustrierte.

Nachdem sie Texte von Autoren illustriert haben, begannen sie auch eigene Bilderbücher zu machen.

Ja, mein erstes eigenes Bilderbuch war The Lost Thing, das auf deutsch Die Fundsache heißt. Es handelt von einem Jungen, der eine sonderbare Kreatur findet, der niemand Aufmerksamkeit schenkt. Er beschließt, es mit nach Hause zu nehmen, wodurch ein paar Probleme entstehen. Das ist eigentlich eine sehr kindliche Idee. Für mich fühlt sich die Geschichte sehr ehrlich und echt an, so als wäre sie wirklich passiert ist.

Was ist eigentlich diese Kreatur in Die Fundsache? Ist das eine Maschine oder doch ein lebendiges Wesen?


Aus: Die Fundsache
© CARLSEN Verlag

Es ist auf jeden Fall lebendig. Mein erstes Haustier als Kind war ein Einsiedlerkrebs. So ein Krebs muss sich immer ein Gehäuse suchen, weil er von sich aus keinen Panzer hat. Also eigentlich ist er heimatlos. Die Fundsache ist ein Wesen, das sich als Haus eine leere Maschine ausgesucht hat. Das war die Idee dahinter, aber der Leser braucht das gar nicht zu wissen.

In diesem Jahr ist der Animationsfilm zu Die Fundsache fertig geworden ...

Ja, endlich. Es hat ungefähr 4 Jahre gedauert bis der Film fertig wurde. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Die Arbeit an dem Film erforderte sehr viel Zusammenarbeit, was für mich sehr ungewohnt war. Normalerweise arbeite ich in einem winzigen Raum, der an unser Haus angebaut ist. Da arbeite ich und muss mit niemanden sprechen.

Der Platz, den der Junge schließlich für das Ding findet, wird im animierten Kurzfilm sehr ausführlich gezeigt, ebenso die anderen Kreaturen, die dort leben.

Eigentlich stehen sie für verschiedene Künste, für die in einer technisierten Welt kein Platz mehr ist, weil sie sich nicht an vorgegebene Regeln halten. Es ist ja eine Welt ohne Bäume oder Pflanzen, es gibt nur Menschen und Maschinen. Alles ist glanzlos, trüb und grau und die Menschen haben ihre Fantasie verloren.

Wie kommen Sie zu den Geschichten?

Zuerst ist da meistens ein Bild, das in mir Fragen aufwirft. Oder ich habe zwei Bilder und frage mich, wie man von dem einen zum anderen Bild kommt. Ich zeichne, mache dauernd Skizzen. Mein Skizzenbuch ist voller Figuren, aber von den meisten kommt keine Reaktion. Aber manchmal bleibe ich an einer Kritzelei hängen und daraus entsteht dann etwas.

Das Buch Geschichten aus der Vorstadt des Universums ist eine Sammlung von Geschichten, die sie mit ganz unterschiedlichen Zeichenstilen, Collagen, Drucktechniken illustriert haben. Eine Geschichte daraus ist in Australien auch als einzelnes Buch erschienen, sie heißt Eric. Ist Eric auch eine Figur aus ihrem Skizzenbuch?


Aus: Geschichten aus der Vorstadt des Universums
© CARLSEN Verlag 

Da gab es zunächst diesen Charakter als einfache Skizze, unter die ich den Namen Eric geschrieben hatte. So etwas mache ich oft: Unter eine schräge Figur, die ich gezeichnet habe, einen ganz gewöhnlichen Namen schreiben. Zu dem Charakter gehört noch ein kleiner Koffer, denn ich hatte die Idee, dass der auf eine Reise geht.

Und dazu haben Sie sich dann eine Geschichte ausgedacht?

Nein. Aber lange Zeit später hatten wir einen Gast, der für zwei Wochen bei uns wohnte, ein Freund meiner finnischen Frau. Ein Finne, der nicht sehr viel gesagt hat. Wir organisierten alle möglichen Aktivitäten, wir fuhren mit ihm durch das Land, fuhren zum Strand, lauter Sachen, die man mit so einem Besucher macht. Doch weil er kaum etwas sagte, waren wir unsicher, ob er sich freute oder nicht.

Haben Sie in Erfahrung bringen können, ob es ihm bei Ihnen gefallen hat?

Ja, aber erst sehr viel später, als wir Aki in Helsinki besucht haben. Dort erzählte er seiner Freundin in unserem Beisein von Australien, und da haben wir gemerkt, dass er wirklich begeistert war. Er war von den Erinnerungen seiner Erlebnisse mehr angetan, als während des Erlebens. So geht es mir auch oft, ich bin begeisterter von den Dingen, nachdem sie passiert sind, als währenddessen. In der Geschichte Eric steckt das alles drin. Ich glaube, um eine gute Story zu schreiben, muss man mindestens zwei wirklich gute Ideen haben, die man dann ineinander schieben und verdichten muss. Eine einzige Idee ist niemals gut genug.

Die Geschichte von Eric scheint gerade bei Kindern besonders gut anzukommen.

Ich denke, alle Kinder wünschen sich so einen nicht-menschlichen kleinen Freund wie Eric. Das ist komisch, denn so habe ich ursprünglich gar nicht über die Geschichte gedacht.

Wie reagieren Kinder auf Ihre Bücher?

Sie mögen sie wirklich gerne, was mich manchmal überrascht. Insbesondere, wenn sie jung, also etwa sieben Jahre alt sind. Dann überlege ich, was ich mit sieben gemocht habe und komme zu dem Schluss, dass ich meine Bücher vielleicht gar nicht gemocht hätte. Die Reaktion auf meine Bücher hat mehr mit dem Individuum zu tun, als mit irgendeiner Alters- oder sonstigen Gruppe: Manche Kinder sind begeistert, während einem Vierzigjährigen der Sinn völlig entgeht.

Ihre Bücher richten sich dabei gar nicht unbedingt an Kinder, oder?

Wenn ich ein Buch mache, mache ich es in erster Linie für mich. Ich probiere so lange rum, bis es für mich stimmt. Das ist eher eine egoistische Angelegenheit, ich denke dabei nicht an den Leser.

Wie kommt es, dass Ihre Bücher in Australien von einem Kinderbuchverlag herausgegeben werden?

Das liegt daran, dass Kinderbuchverlage am besten wissen, wie man illustrierte Bücher herausgibt. Und es liegt daran, dass sich in den letzen 15 Jahren in Australien eine Bewegung vollzogen hat, die diese Grenzen verwischt. Kinderbücher, Bilderbücher für Jugendliche und Graphic Novels gehen ineinander über. Hätte ich in der Zeit davor gearbeitet, hätte ich Schwierigkeiten bekommen, einen Herausgeber zu finden.

Mit ihrem Buch Ein neues Land sind sie international bekannt geworden. Wie viel Arbeit steckt in diesem Buch?

Es hat mich für ungefähr 5 Jahre völlig aufgesogen. Glücklicherweise wurde es sehr erfolgreich, so dass das keine komplette Zeitverschwendung war. Es geht darin um Missverständnisse, die passieren, wenn man in einer Situation ist in der man sich nicht auskennt, weil sie für einen ganz neu ist. Das Thema ist Migration, also Auswanderung. Gleichzeitig war es ein Experiment, denn es gibt keinen lesbaren Text in dem Buch. Ich fragte mich, wie weit können allein Bilder dieses Thema verdeutlichen.

Hat das Buch einen Bezug zu einer wahren Geschichte?

Es basiert auf Erfahrungen, die mein Vater machte, als er Malaysia verließ. Aber am Ende flossen viele Erfahrungen und Wahrnehmungen ein von vielen verschiedenen Menschen, die ich befragt hatte. So kam ich auf die Idee, eine universale Immigranten-Story zu gestalten, eine Geschichte, die jeder Immigrant angucken und darin etwas von seinen Erfahrungen wiedererkennen kann.

In Ein neues Land gibt es nicht nur Menschen, sondern auch wieder sonderbare Wesen. Das sind Tiere, die sich Menschen aussuchen, die sie begleiten. Was steckt dahinter?


Aus: Ein neues Land
© CARLSEN Verlag 

Das Tier des Mannes mit Hut in Ein neues Land hat eine eigene Entstehungsgeschichte. Am Anfang war es wie eine riesige Ratte. Denn häufig können sich Einwanderer nur lausige Unterkünfte leisten und sind damit konfrontiert, dass Tiere die Wohnung bevölkern. Oft kommen die Tiere wie eine Invasion aus der Toilette. Am Anfang war diese Kreatur eher als eine Plage gedacht. Doch dann dachte ich, es wäre interessant, wenn sich die Hauptfigur und das Tier anfreunden würden und so entschloss ich mich, die Kreatur etwas weniger eklig zu gestalten. Um das zu erreichen, ließ ich das Geschöpf in einer Box wohnen und nicht mehr in der Toilette.

So wurde aus einem Ungeziefer ein Hausfreund?

Die Idee, dass das Geschöpf schon in dem Haus wohnt und die beiden einfach zueinander gehören und sich das Haus teilen, hat mir sehr gefallen. So lebt in jedem Haus bereits ein Tier, der Mensch zieht einfach dazu. In der utopischen Stadt in Ein neues Land hat sich die Stadt so um die Natur herum gebaut, dass ein Miteinander entstanden ist. Auch die Kreaturen, die vor der Stadt schon an dieser Stelle leben, bleiben erhalten. Alles lebt miteinander, muss sich nicht gegenseitig verdrängen oder ausrotten.

Neben skurrilen Tierwesen sind Wolken häufig ein Motiv in Ihren Bilderbüchern. Warum?

Die Wolken sind die größten Objekte, die du sehen kannst. Sie haben etwas Magisches, wenn sie über den Himmel gleiten. Sie erinnern mich an eine Idee, die sich gerade bildet. In Die Fundsache nehmen sie eine wichtige Rolle ein. In einer komplett künstlichen Welt, in der nichts Natürliches mehr erhalten ist, haben die Wolken zwar eine seltsame Farbe, aber sie sind immer noch da. Sie sind die einzigen organischen Form in der Landschaft, sie bewegen sich frei. In einer künstlichen Welt bilden sie diesen einzigartigen Moment der Freiheit.

Warum sind die Welten in ihren Bilderbüchern meistens düster und technisiert?

Ich bin zur Illustration ja über eher düstere Themen gekommen, Science-Fiction aber auch Horrorgeschichten. Für Die Fundsache wollte ich eigentlich eine lustige Geschichte erzählen, aber dann hat sie auch einen traurigen Aspekt bekommen. Mein neues Buch soll wirklich leichter und spaßiger sein. Ich habe da ein Bild: Es zeigt einen wirklich sehr großen Hasen, vor dem sich zwei Kinder verstecken ... Naja, ich sage immer, dass ich dieses Mal ein lustiges Buch mache, aber dann wird es doch wieder ernst und düster.

Diese Welten und Geschichten stecken so demnach einfach in den Bildern?

Ja, das liebe ich an Bildern, dass man sie nicht in Worte fassen kann und sie letztlich nie ganz versteht. Sie sind Spiegel für die Wirklichkeit. Ich habe das so oft erlebt, dass man ein bisschen ändert und ausprobiert und plötzlich weiß man, das ist es. Wie man dahin kommt, weiß ich nicht, ich fühle nur, wann es richtig aussieht. Wie in einem Haus, in dem man sich einfach wohl fühlt, obwohl man nicht erklären kann warum.

Lieber Shaun Tan, vielen Dank für das schöne Gespräch!

 © Rossipotti No. 23, Dez. 2010