Ballade

Bedeutung der Ballade

Die Bezeichnung Ballade kommt ursprünglich von dem italienischen Wort ballata oder auch von dem provenzalischen Begriff balada. Beide Wörter bedeuten Tanzlied.
Später wurde diese Liedform von Minnesängern zum Erzähllied weiterentwickelt. Das bedeutet, dass die Ballade in gedichteter Form Geschichten erzählte, die zum Beispiel von Rittern, unglücklichen Liebenden und magischen oder sagenhaften Ereignissen handelten.
Man kann sagen, dass die Ballade sowohl epische beziehungsweise erzählende, lyrische und dramatische Elemente enthält. Deshalb erklärte Goethe die Ballade zum „Urei aller drei Grundarten der Poesie“.


Ausschnitt aus der Animation
Der Taucher (Friedrich Schiller)
von Annika Uppendahl

Die Schillerschen Balladen erzählen auf packende Art und Weise ein meist tragisches, häufig auch unheimliches Ereignis. In Die Kraniche des Ibykus schildert Schiller beispielsweise den Meuchelmord an dem griechischen Dichter Ibykos, dessen Zeuge alleine ein Kranichschwarm ist. Gleichzeitig sind Schillers Balladen stets gereimt und in eine formvollendete Sprache gegossen, also lyrisch, und enthalten zudem dramatische Elemente wie die Verwendung der direkten Rede.
Lange Zeit waren die Verfasser der Balladen unbekannt. Die Balladen wurden als Volksballaden mündlich weiter getragen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Balladen dann gesammelt und in Büchern zusammengestellt. Zu der Zeit entstanden auch viele Nachdichtungen alter Stoffe und neue Dichtungen. Aus der Volksballade wurde die Kunstballade.
Goethe und Schiller gefiel die Ballade so gut, dass sie 1797 ein Balladenjahr ausriefen.
Auch das 19. Jahrhundert und die Zeit der Romantik und des literarischen Realismus sind in Deutschland fruchtbare Epochen für die Ballade. Beliebte Arten der Kunstballade sind die so genannte naturmagische Ballade, die von den unerklärlichen, zauberhaften Kräften der Natur handelt, sowie die historische (Helden-)Ballade mit vorwiegend aus dem Mittelalter entnommenen Themen.
Seitdem ist die Ballade eine bis heute weithin beliebte lyrische Form. Sie wurde in verschiedenen Ländern und Sprachen auf unterschiedlichste Art und Weise gestaltet und weiterentwickelt. Berühmte Balladen-Dichter sind neben Goethe und Schiller (18. Jahrhundert), den Romantikern Ludwig Tieck, Clemens Brentano und Josef von Eichendorff und beispielsweise Theodor Fontane aus der Zeit des Realismus’ in Deutschland (19. Jahrhundert), in Italien Dante und Petrarca (12./13. Jahrhundert), in Frankreich Christine de Pizan und François Villon (14./15. Jahrhundert) und in England Lord Byron, John Keats und William Butler Yeats (18./19. Jahrhundert).

Beispiele für Balladen

Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon
Der sogenannte  „poète maudit“ Francois Villon, auf Deutsch der verfluchte oder der gottverdammte Dichter, hat sein abenteuerliches Vagabunden- und Gaunerleben im Frankreich des 15. Jahrhunderts in ausdrucksstarken, deftig-sinnlichen Balladen festgehalten. Er verfasste sie in Anlehnung an die damalige Gaunersprache (das Argot). Das war zu dieser Zeit ein unverschämter Tabubruch und passte gut zu Villons ausschweifendem Leben: Wechselnde Geliebte, Diebstähle und Gaunereien, Gefängnisaufenthalte und ein Mord durchzogen sein Leben - 1455 tötete Villon in einem Streit einen Priester. Die Dichtung des sagenumwobenen Poeten, von dem bis heute ab einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens jegliche Spur fehlt, hat zahlreiche Dichter, Übersetzer und auch Schauspieler inspiriert: So sind die von dem kongenialen Schauspieler Klaus Kinski gesprochenen Balladen Villons in der Nachdichtung des expressionistischen Dichters Paul Zech bis heute bekannt und beliebt. Villon besingt in seinen Balladen und Liedern die Ereignisse seines abenteuerlichen Lebens. Dabei zeichnet er ein Bild des zeitgenössischen Paris, dichtet von Liebe und Hass, Tod und Vergänglichkeit.
In der Sommerballade von der armen Louise erzählt Villon das Schicksal eines armen Waisenmädchens namens Louise, das sich nach zärtlicher Liebe sehnt, von seinem Liebsten aber betrogen wird, und, als dieser im Krieg fällt, wieder genauso arm und alleine dasteht wie zu Beginn der Ballade:

Louise stand am Herd den langen Tag
Und ihr Gesicht war schon ganz schwarz vom Rauch.
Und wenn sie nachts auf ihrem Strohsack lag,
da war sie müd und ausgehungert auch.
Sie war nur armer Leute Waisenkind
Und wollte lieber sein ein Baum im Sommerwind.

(…)

Der Sommerwind ging hin mit Kriegsgeschrei
Und färbte in der Nacht den Himmel rot.
Und in der Schlacht war auch ihr Mann dabei,
sie wusste nicht wohin mit ihrer Not.
Sie war nur armer Leute Waisenkind
Und wollte wieder sein ein Baum im Sommerwind.

In der Ballade von den Vogelfreien schließlich malt Villon auf unverwechselbar kraftvolle und authentische, also glaubhafte Art und Weise sein eigenes dunkles Leben aus, in dem er trotz aller Armseligkeit und Einsamkeit auf Anerkennung und Ruhm hofft:

Ich habe dennoch so viel Mut zu hoffen,
dass mir sehr bald die ganze Welt gehört,
und stehn mir wirklich alle Türen offen,
schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört,
dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll.
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch,
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch,
auf den noch nie ein Stern herunterschien,
François Villon, verehrt und angespien.

Weimarer Klassik

Schillers Ballade: Der Taucher
Wesentlich gesitteter und reflektierter geht es da bei den deutschen Dichtern Goethe (1749 – 1832) und Schiller (1759 - 1805) zu, den wichtigsten Dichtern der Weimarer Klassik. Beide wandten sich gegen Ende der 1790er Jahre verstärkt der lyrischen Form der Ballade zu. Sie schufen viele berühmte Balladen wie Der Erlkönig, Die Bürgschaft, Der Handschuh, Die Glocke oder Der Taucher.
1797 bezeichnete man als das „Balladenjahr“ Goethes und Schillers. Goethe und Schiller meinten, mit der Literatur allgemein und mit der Ballade im besonderen die Menschen bilden und erziehen zu können. Die Ballade als ursprünglich volkstümliche, also dem Volk nahe, und vergleichsweise einfache lyrische Form schien ihnen geeignet, den Menschen wesentliche menschliche Werte nahe zu bringen. So verherrlicht Schiller beispielsweise in seiner Ballade Die Glocke das solide Handwerk und lobpreist die Familie und die „züchtige Hausfrau“.


Ausschnitt aus der Animation
Der Taucher (Friedrich Schiller)
von Annika Uppendahl

In Schillers Ballade Der Taucher aus dem Jahre 1797 fordert ein König seine Untertanen dazu auf, im tiefen, gefährlichen Meer nach einem goldenen Becher zu tauchen. Derjenige, der den Becher wiederbringe, bekomme seine Tochter zur Frau. Nur ein einziger tapferer Jüngling findet sich, der sich dem wahnwitzigen Abenteuer stellen will, und entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt ihm die Tat: Er taucht wohl erhalten aus den Fluten empor und bringt dem König den goldenen Becher zurück. Die Prinzessin ist entzückt, und der Jüngling hofft auf nahes Liebesglück, aber der von Macht trunkene König will sich nicht mit dem Vollbrachten begnügen und fordert den Jüngling ein zweites Mal dazu auf, nach dem Becher zu tauchen. Dieser Größenwahn des Königs - man spricht auch von „Hybris“, also von „Anmaßung“ oder „Selbstüberhebung“ -, der die allmächtige Natur, hier repräsentiert durch das tobende Meer, nicht nur einmal, sondern gar zweimal herausfordert, führt zum Unglück aller und zum Untergang des Jünglings. Er lässt sich von der Hybris des Königs mitreißen und stellt sich tollkühn, vielleicht auch blind vor Liebe, ein zweites Mal der Aufgabe. Aber die „zischenden Fluten“ geben ihn dieses Mal nicht mehr frei, und er ertrinkt. Selbstüberschätzung, das Getriebensein von ,blinden’ Gefühlen und das Ausschalten jeglicher Vernunft werden hier ebenso angeprangert wie mit gewaltigen Worten die urtümliche Schönheit und Kraft der Natur gefeiert.

Deutschsprachige Balladen im 19. Jahrhundert

Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor
Die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848) schreibt in ihrer düsteren naturmagischen Ballade Der Knabe im Moor von einem Jungen, der verängstigt durch das Moor geht und dabei schaurige Geräusche wahrnimmt und Furcht erregende Schatten sieht. Er glaubt auch, den Geistern von Verbrechern und anderen bösen Menschen zu begegnen und bebt vor Angst:

O schaurig ist’s übers Moor zu gehen,
Wenn es wimmelt von Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist’s übers Moor zu gehen,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben im Hage?
(…)

Nur die Kraft eines Schutzengels bewahrt den Knaben vor dem Untergang im unheimlichen Sumpf und entlässt ihn schließlich ungeschoren aus den dunklen Fängen der Moorlandschaft:

Wär nicht ein Schutzengel in seiner Näh’,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Conrad Ferdinand Meyer: Die Füße im Feuer
Die packende historische Ballade Die Füße im Feuer von Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898), einem bekannten Schweizer Autoren, erzählt die Geschichte eines Hugenottenverfolgers, der während einer Gewitternacht Zuflucht in einem Schloss sucht. Auch hier schafft der Autor eine unheimliche Atmosphäre, indem er zunächst die Naturgewalten mit stakkatoartigen Sätzen heraufbeschwört:

Wild zuckt der Blitz. Im fahlen Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. (…)

Im Schloss wird der Gast bewirtet, spürt aber bald eine seltsam feindselige Stimmung und entsinnt sich plötzlich mit Grauen, dass er an dem gleichen Ort vor einigen Jahren die Frau des Hausherren zu Tode gefoltert hat. Die bedrohliche Gedichtzeile „Zwei Füße zucken in der Glut“, die den Titel des Gedichts aufnimmt und periodisch wiederholt wird, erinnert an die schreckliche Bluttat des Übeltäters und zeigt, dass sein Verbrechen ihn von nun an immer verfolgen wird. Gepeinigt von Todesangst – er fürchtet die Rache des Schlossherren – schließt der Hugenottenverfolger sich in sein Zimmer ein und verbringt eine furchtbare Nacht, in der er kein Auge zudrückt. Früh am Morgen geleitet der Schlossherr ihn noch eines Stücks Wegs und gibt schließlich zu erkennen, dass er in ihm den verhassten Mörder seiner Frau erkannt hat. Ihren Tod aber hat er aufgrund seiner Gottesgläubigkeit nicht mit einer weiteren Gewalttat gesühnt:

(…) Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! … Mein ist die Rache, redet Gott.

Kraftvoll schließen hier die Worte des Schlossherren das Gedicht. Sie lassen als ewige Be-Drohung des Mörders erahnen, dass dieser, die Vergeltung durch Gott fürchtend, seines Lebens nicht mehr froh werden wird.

Theodor Fonatane: John Maynard
Nicht zuletzt hat Theodor Fontane (1819 – 1898), ebenfalls ein bekannter Vertreter des deutschen Realismus, große Balladen geschrieben. Eine seiner berühmtesten ist die Ballade John Maynard, die den Steuermann eines Passagierschiffes, John Maynard, preist. Auf dem Eriesee in Nordamerika gerät das Schiff, auf dem er als Steuermann angeheuert hat, in Brand. John Maynard steuert es, den Flammen und der Angst trotzend, tapfer ans Ufer und rettet dadurch das Leben der Passagiere – er selbst aber stirbt im Flammenmeer.
Fontane greift hier auf ein aktuelles Ereignis zurück: In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 fing der Raddampfer Erie auf der Fahrt von Buffalo nach Erie (Pennsylvania) Feuer. Allerdings überlebten im Unterschied zu dem Geschehen in Fontanes Dichtung in Wirklichkeit nur 29 der ungefähr 200 Passagiere die Fahrt. Auch starb der Steuermann Luther Fuller nicht, der tatsächlich bis zuletzt heldenhaft auf seinem Posten blieb, sondern er überlebte schwer verletzt. Seelisch aber erholte er sich nie von dem Unglück, verfiel dem Alkohol und starb schließlich in einem Armenhaus. Durch die Verwendung der direkten Rede, die der Ballade einen dialogischen Charakter verleiht – eine Geschichte wird hier mündlich im lebhaften Gespräch erzählt, so der Eindruck - wirkt die Schilderung unvermittelt und mitreißend: Mit den bewegenden Zeilen

John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“

„John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

wird die Ballade eröffnet, und die letzten drei Zeilen dieser Eröffnung beschließen dann in identischer Form wiederum das Gedicht feierlich:

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Animation: © Annika Uppendahl

http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html
http://www.handmann.phantasus.de/balladen.html
http://odl.vwv.at/deutsch/odlres/res4/Literaturgeschichte/Die_Ballade.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Ballade_%28U-Musik%29