Lyrik


 Über Gedichte

Dunkel war's, der Mond schien helle
Auf die grünbeschneite Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Auf dem Wasser Schlittschuh lief.

Gedichte sind die kleinsten Sprachgebilde, die es gibt. Und weil sie so klein sind, kann man sie viel schneller lesen als Geschichten oder Theaterstücke. Das hat Vorteile und Nachteile. Nachteil ist, dass Gedichte einen nicht über so viele Lesestunden fesseln können wie etwa dicke Romane. Der Vorteil ist, dass man ein Gedicht schnell mal zwischendurch lesen kann. Vor dem Einschlafen. Im Bus. Oder auf der Toilette.
Damit das Lesen von Gedichten besonderen Spaß macht, lassen sich die Dichter einiges einfallen. Sie versuchen, ihre Gedichte so gut zu machen, dass man sie nicht mehr vergessen kann und gerne über sie nachdenkt. Aus diesem Grund arbeiten die Dichter mit ganz besonderen Tricks. Zum Beispiel mit Reimen. Reime sind Worte, die einen ähnlichen Klang haben. Oft stehen die Reimworte in Gedichten am Ende einer Gedichtzeile.
Auch der Rhythmus kann wichtig für ein Gedicht sein. Das bedeutet, dass verschiedene Gedichtzeilen ähnliche Betonungen haben. Manchmal stehen in einem Gedicht mehrere Zeilen in einem Abschnitt zusammen. Solche Abschnitte nennt man Strophen. Nimmt man alle Strophen zusammen, hat man das fertige Gedicht.
Doch das Beste an Gedichten ist (und deswegen macht es auch so Spaß, selber welche zu schreiben!), dass es keine Regeln für sie gibt. Das bedeutet zum Beispiel, dass Gedichte sich zwar reimen können – aber nicht reimen müssen. Ganz im Gegenteil, es gibt Gedichte, die sich überhaupt nicht reinem und trotzdem toll sind:

O du alter Kakadu!
Stets gedenk ich Kakadeiner,
ich misstraue Kakadir
und verwünsche Kakadich.

Die ersten Gedichte, die man in deutscher Sprache gefunden hat, waren Zaubersprüche. Hier ein Ausschnitt:

ben zi bena,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sose gelimida sin.

Weil man diese über tausend Jahre alten Zaubersprüche in alten Handschriften in Merseburg gefunden hat, nennt man sie Merseburger Zaubersprüche. Es geht darin um die Befreiung von Gefangenen und um die Heilung von Pferden. Da sie in althochdeutscher Sprache geschrieben wurden, braucht man heute eine Übersetzung. Übersetzt klingen die vier Zeilen dann so:

Knochen zu Knochen,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern,
Sodass sie geleimt sind.

Zwar gibt es für Gedichte keine Regeln, dennoch haben alle guten Gedichte etwas gemeinsam: Sie schaffen es, uns, die Leserinnen und Leser, zu überraschen.
Wenn wir sie lesen, sind wir erstaunt, wie wunderbar sie klingen können.
Oder was für schöne Gedanken sie enthalten.
Oder welch seltsame Geschichte sie erzählen.
Oder in was für einer ungewöhnlichen Form sie sich uns zeigen.
Oder wie lustig, bzw. wie traurig sie sind.
Gedichte sind mutig. Gedichte sind aufregend. Gedichte probieren etwas Neues aus. Sie erforschen die Sprache und nutzen, wie in den Merseburger Zaubersprüchen, die geheime Kraft, die in der Sprache steckt. Dichtung hat also auch immer etwas mit Zauberei zu tun.
Und noch etwas ist wichtig, wenn man Gedichte liest: Nicht immer kann man alles in Gedichten verstehen. Das macht überhaupt nichts (auch wenn die Lehrer uns gern das Gegenteil weismachen wollen!), denn manchmal wollen Gedichte gar nicht verstanden werden. Sie möchten lieber, dass wir über sie ins Grübeln geraten. Weil manchmal das Suchen viel mehr Spaß macht als das Finden. Gedichte lesen heißt, das geheimnisvolle Wesen suchen, das sich in den Gedichten versteckt hält. Dieses Wesen hat einen Namen: Es heißt Poesie.
Übrigens können Gedichte sogar so geschrieben sein, dass sie einfach nicht mehr aufhören wollen:

Ein Mops lief in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Mops zu Brei.

Drauf kamen viele Möpse
und gruben ihm ein Grab
und stellten drauf nen Grabstein,
auf dem zu lesen war:

Ein Mops lief in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei …

  

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Animation: © Susanne Bauer, Andy Tsui, Wolfgang Bruckner, Barbara Jonasch

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