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Salon Albert

"Wann geht es endlich los?" fragt ein Junge und tritt ungeduldig mit dem Fuß an den Stuhl seines Vordermanns.

"Genau!", ruft auch ein kleines Mädchen, das sich ganz nach vorne gesetzt hat. "Wenn die Qualle Albert nicht bald kommt, gehe ich wieder!"

"Mir ist es so heiß", schreit ein blasses dunkelhaariges Mädchen und wischt sich mit der Hand über die Stirn. "Kann nicht mal jemand das Fenster öffnen?"

"Ja!" ruft ein anderer Junge mit einer Basecap auf dem Kopf. "Hier ist es entsetzlich heiß!"

Palmina versucht das Fenster zu öffnen, aber es klemmt und sie bekommt es nicht auf.

Plötzlich ist es allen furchtbar heiß.
Wo die Qualle nur bleibt?

"Ich habe eine Idee!" sagt das kleine Mädchen aus der ersten Reihe. "Wir kühlen uns mit kalter Literatur ab!"

"Pah!" meint das blasse Mädchen. "Was soll das denn sein: Kalte Literatur?"

"So was gibt's nicht", sagt auch der ungeduldige Junge.

"Heiße Literatur gibt's auf jeden Fall", sagt Palmina.

"Meinst du etwa Liebesromane?" meint der Junge mit der Basecap und verdreht die Augen.

Zwei Mädchen in der Ecke kichern.

"Bleib uns bloß damit vom Leib", sagt der ungeduldige Junge. "Dann lieber Kriegsliteratur. Die ist auch heiß. Zumindest was die ganzen Waffen und Bomben angeht."

"Wisst ihr, wie heiß eine Atombombe ist?" fragt der Junge mit dem Basecap.

"Klar!" sagt der ungeduldige Junge. "Unermesslich! Im Explosionszentrum hat die Atombombe mehrere Millionen Grad Celsius! Wenn die auf dich fällt, bist du schneller verdampft als du kucken kannst!"

"Ist die etwa heißer als ein Vulkan?" fragt Palmina.

"Viel heißer", sagt der Junge. "Die Glutströme der Lava sind vielleicht nur 800 Grad heiß. Selbst die Hitze des Erdinneren wird nur auf 4000 Grad Celsius geschätzt."

"Ich habe Durst!" meldet sich wieder das blasse Mädchen zu Wort.

"Man müsste ein Bärtierchen sein", überlegt Palmina. "Ich habe gelesen, dass Bärtierchen die größte Hitze, den größten Druck, eine Menge Radioaktivität und einfach alles aushalten. Die Tiere sind fast unsterblich!"

"Wir sind aber keine Bärtierchen", sagt das blasse Mädchen. "Und ich komme fast um vor Durst!"

"Wir müssen über kalte Dinge reden", sagt Palmina. "Über Eisbären, Kühlschränke, Tiefseefische oder ..."

"Über kalte Literatur!" wiederholt das kleine Mädchen ihren vorigen Gedanken.

Der ungeduldige Junge stöhnt.

"Wenn es keine kalte Literatur gibt, müssen wir uns eben eine erfinden!" unterstützt Palmina das kleine Mädchen. "Kalte Literatur müsste von kalten Gegenständen oder Gegenden handeln ..."

"Oder kalten Menschen!" unterbricht das kleine Mädchen. "Kennt ihr 'Das kalte Herz' von Wilhelm Hauff? Da verkauft jemand dem Teufel sein Herz für Reichtum."

"Das ist doch altmodisch!" sagt der ungeduldige Junge. "Den Teufel gibt es heute gar nicht mehr. Außerdem ist der Teufel und seine Hölle eher heiß!"

"Menschen mit kalten Herzen gibt es immer!" verteidigt sich das kleine Mädchen. "Und der Teufel ist doch nur ein Synonym für das Böse. Und als solches ist er kalt wie das Böse! Das Gute ist dagegen warm wie ein schlagendes Herz!"

"Oder wie eine Bombe!" sagt der Junge mit der Basecap sarkastisch.

"Ich will mich nicht über das Böse unterhalten", sagt das blasse Mädchen. "Davon wird mein Mund nur noch trockener. Gibt es nicht kalte Literatur, die einfach nur abkühlt?"

"Wir könnten doch eine Geschichte über einen Eisschrank oder einen Roboter erfinden", sagt Palmina.

"Au ja!", sagt das blasse Mädchen. "Ich habe auch schon eine Idee:

Es war einmal ein einsamer Menschen-Roboter. Er saß auf einem Schrottplatz neben einer kaputten Mikrowelle und einem Eisschrank. Er wusste nicht mehr, wie er hier hergekommen war, weil er sicher schon über hundert Jahre hier saß, und in dieser Zeit hatte er schon viele Geräte und Maschinen kommen und gehen sehen ..."

"Wieso ist er denn so alt?" fragt der ungeduldige Junge.

"Weil er seit seiner Erfindung dort oben sitzt", erklärte das blasse Mädchen. "Er ist einer der ersten Roboter und sein Erfinder war mit ihm nicht zufrieden gewesen, weil er zwar laufen und hüpfen, aber nicht sprechen konnte. Darum ist er gleich auf dem Schrottplatz gelandet."

"Jetzt mache ich die Geschichte weiter", sagt Palmina: "Wenn es den Roboter fror, wärmte ihn die Mikrowelle, wenn es ihm zu heiß wurde, konnte er sich an dem Eisschrank abkühlen. Doch obwohl es ihm relativ gut ging, fühlte er, dass ihm irgendetwas fehlte. 'Ach!', dachte er öfters, 'es muss eine Wärme geben, die wärmer als eine Mikrowelle und kälter als ein Eisschrank ist. Wenn ich doch nur ein einziges Mal den Schrottplatz verlassen und mich hinter dem Zaun umsehen könnte!"

"Eines Tages hörte der Roboter wie sich zwei Krähen, die auf einem alten Fernseher saßen, unterhielten", fuhr das kleine Mädchen fort. "Die eine Krähe sagte: 'Das Leben ist nicht mehr das, was es einmal war. Die Welt ist zu einem kalten Schrottplatz geworden. Überall werden Bäume abgeholzt und Maschinen hingestellt. Die Luft ist von Kabeln, hohen Stahlmasten und gläsernen Scheiben durchschnitten und neulich stürzte sich meine Nichte beinahe zu Tode, als sie gegen eine dieser riesigen, motorisierten Windräder prallte. 'Ja', meinte auch die andere Krähe 'du hast ganz recht! Die Welt ist kalt und unliebsam geworden. Die Bauwerke und Maschinen der Menschen bestimmen unser Leben, wir selbst haben keinen Platz mehr in der Natur, und umgekehrt ist uns die Natur fremd geworden ... "

"Hört hört", mischte sich da der Kühlschrank ein", erzählte nun der Junge mit der Basecap die Geschichte weiter. "Ihr Krähen versteht nichts von der Welt! Ihr vernebelt sie mit eurem Geschwätz und erkennt die Realität nicht an. Die Welt ist kalt und dieses Wissen müssen wir uns zunutze machen! Das Eis, nicht Sommer und Sonnenschein, ist unser Lehrmeister!' 'Es stimmt, was der Kühlschrank sagt', meinte jetzt auch der Fernseher. 'In meinem langen Leben habe ich die ganze Welt gesehen. Wenn ihr im Leben etwas erreichen wollt, dürft ihr euch nicht mit romantischen oder idealistischen Ideen aufhalten, sondern müsst der harten, kalten Realität ins Auge sehen. Nur dann könnt ihr sie mitgestalten und euch die Welt untertan machen! ..."

"Oh", platzt da plötzlich eine bekannte Stimme mitten in die Geschichte. "Wie ich sehe, seid ihr schon dabei, das 'Lob der Kälte' zu singen!"

"Welches Lob der Kälte?" fragt der Junge mit dem Basecap irritiert und drehte sich um.

Hinter ihm gluckert die Qualle Albert in ihrer Flasche und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

"Auf den Gletschern der Moderne ein Leben auf eigene Faust wagen", rezitiert Albert.

"Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst", sagt der Junge.

"Ach so", sagt Albert ein wenig enttäuscht. "Ich habe gedacht, du hättest die anderen schon in die Kälte-Gedanken der Avantgarde der 1920er eingeweiht. Damals fand man es nämlich chic, Kunst mit Kälte zu assoziieren. Kälte stand für Erwachen aus überheizten bürgerlichen Stuben, für Loslösung von Tradtionen, für Innovation, Klarheit und Mobilität. Hitze oder Wärme dagegen für Verschlafenheit, Schwärmerei und verworrenes Denken. Ein bekannter Autor und Befürworter der Kälte war beispielsweise Bert Brecht."

"Brecht hatte also die gleiche Idee wie der Kühlschrank in unserer Geschichte", überlegt das kleine Mädchen.

"Das ist doch verdreht", sagt das blasse Mädchen. "Mit Kälte assoziiert man doch viel mehr Starre und Tod als Mobilität und Innovation."

"Das kommt eben auf den Standpunkt der Betrachtung an", antwortet Albert. "Hitze kann auch lähmend und erstickend sein."

"Stimmt", sagt das blasse Mädchen. "Ich ersticke gleich und das Fenster lässt sich nicht öffnen!"

"Dann habe ich ja genau das Richtige für euch mitgebracht: Ein Stück kalte Literatur von Gao Xingjian. Der Autor ist 1940 in China geboren, lebt aber schon seit 1987 in Paris. Wegen der Hitze hier im Raum mache ich jetzt aber lieber keine große Einleitung zu Gao Xingjian, sondern lese euch lieber sofort einen Ausschnitt aus der kalten Geschichte 'Auf dem Meer' aus dem gleichnamigen Erzählband vor."

"Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen", sagt das blasse Mädchen und schnappt nach Luft wie ein Fisch.

"Kann ich?" fragt Albert.

Alle nicken und freuen sich auf eine kühle Brise vom Meer.

"[...] Am frühen Morgen bei Ebbe ist das Meer sehr still. Du drehtest dich um und schwammst auf dem Rücken. Es war äußerst angenehm, nur ganz leicht Hände und Füße bewegen zu müssen und den Körper vom Wasser tragen zu lassen. Die Tiefe des Meeres lockte. Die Sonne blendete die Augen und du blicktest mit blinzelnden Augen in den azurblauen Himmel. Ein paar weiße Wolken schwebten in der Luft und lösten sich vor deinen Augen wieder auf. Dein Körper schaukelte in den Wellen des Meeres und du betrachtest den allmählichen Auflösungsprozess der weißen Wolken. Du fühltest dich außerordentlich wohl. Du bemerktest die extreme Tiefe des blauen Himmels, der die weißen Wolken verschlang, und dir fiel auf, dass er immer blauer wurde. Ganz am Ende wurde der Himmel blaugrau und hatte dort wieder ungefähr die Farbe des Meeres. Das Meer wiederum trug ein Blau, das ein wenig Grün hindurchschimmern ließ, und war realer und kraftvoller in der Weise wie es dich trug. Eine Welle kam angerollt und überspülte dein Gesicht mit Meerwasser.
Du spucktest das salzige Meerwasser aus und verschlucktest dich ein bisschen. Du drehtest dich um und bewegtest dich auf die Welle zu, die sich glatt wie Seide aufrollte. Das Wasser reichte dir hier ganz offensichtlich schon längst über den Kopf. Du hobst deinen Kopf hoch, prustetest das Wasser aus und schautest um dich. Die Frauen und Männer, die sich eben noch auf der seichten, gelbtrüben Sandbank getummelt hatten, waren wieder ans Ufer zurückgekehrt. Alles sah ganz winzig aus. Auch ihre fetten Bäuche und Brüste konnte man gar nicht mehr genau erkennen.
Du spürtest den Wind über dem Meer, kühl und herzerfrischend. Weiter vorne sahst du ein kleines Holzboot, hinter dem Boot schwammen Markierungen von Schutznetzen gegen Haifische. Als du von einer anrollenden Welle emporgehoben wurdest, hüpften diese schwarz-grauen Markierungen auf der Wasseroberfläche auf und ab.
Die Welle schlug gegen das Seitenteil des Bootes. Das konnte man ganz genau und klar hören. Der Wind schien die lärmenden Stimmen vom weit entfernten Strand weggefegt zu haben, denn es ließ sich nichts mehr vernehmen außer der weißen rollenden Gischt der Meereswogen und dem hellen Klatschen des Wassers gegen die Seitenwand des Bootes. Du schwammst etwas näher an die mossbedeckte Schiffseite heran. Das Holzboot hatte immerhin die aufgewühlte Meereswelle aufhalten können und war gar nicht so klein.
Du tastetest den glitschigen Bootskörper ab. Am Bootsende hing ein Stahlseil herab, daran hieltest du dich fest, um auszuruhen."

[...]

"Wahrscheinlich kommt jetzt gleich ein Hai und frisst dir ein Bein ab!", sagt der ungeduldige Junge zu dem kleinen Mädchen.

"Wieso denn mir?" sagt das kleine Mädchen unberührt zu dem Jungen. "'Du', nicht 'ich', bist doch gemeint!"

"Quatsch!" sagt das blasse Mädchen. "Jeder von uns ist gemeint. 'Du' sagt der Autor zu uns. Und deshalb bin ich mir auch ziemlich sicher, dass in dem Boot eine Leiche liegt! Eine kalte Leiche, die uns zu Tode erschrecken soll."

"Das wäre viel zu einfach", meint Palmina. "Einfach nur eine Leiche in die Geschichte zu packen und schon ist die Geschichte kalt."

"Ach", sagt das blasse Mädchen schnippisch. "Und wodurch wird die Geschichte deiner Meinung nach kalt?"

"Sie ist es doch bereits!" sagt Palmina überzeugt. "Allein schon diese distanzierte Perspektive. Ein fremdes 'Du' erlebt die ganze Geschichte. Und dieses 'Du' schwimmt dann auch noch alleine im Meer und hält sich an einem verlassenen Boot fest. Die ganze Geschichte handelt von Isolation, Einsamkeit und der Abtrennung von anderen menschlichen Wesen. Sie ist so kalt, dass ich auch ohne eine Leiche beinahe Gänsehaut bekomme."

"Das 'Du' befindet sich an einem Ort, wo es nicht einmal mehr die Brüste der Frauen erkennen kann", wirft der Junge mit dem Basecap dazwischen und lacht.

"Die Perspektive hat doch nichts mit Fremde und Isolation zu tun", überhört das blasse Mädchen den Jungen. "Im Gegenteil. Wenn ich die Perspektive ernst nehme, heißt 'Du' 'ich'! Gibt es etwas Näheres für mich als mich selbst?"

"Und wenn schon", argumentiert Palmina. "Selbst wenn mit dem 'Du' jede Leserin und jeder Leser gemeint ist, dann heißt das nichts anderes, als dass wir alle einsam und abgetrennt auf dem Meer herumschwimmen!"

Das blasse Mädchen schaut die Qualle Albert fragend an. Offensichtlich will sie von Albert eine Entscheidung darüber haben, ob Palmina oder sie selbst in dem Punkt recht haben.
Aber die Qualle entzieht sich der Aufforderung, sieht statt dessen den ungeduldigen Jungen direkt an und sagt:
"Sehen wir, wie die Geschichte weiter geht: Du hängst also an dem Stahlseil. Plötzlich erschreckt dich ein merkwürdiges Geräusch. Du befürchtest, dass es ein Seewolf ist, weil sich das Aufheulen wie von einer wilden Bestie anhört ..."

"Sag ich doch!" sagt der ungeduldige Junge. "Haifisch oder Seewolf - wo ist da der Unterschied?"

"Psst!" macht Albert und flüstert: "Obwohl du nicht an Seewölfe glaubst, bist du dir nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch welche gibt. Du ziehst dich an dem Seil nach oben und versuchst aus dieser etwas erhöhten Position einen Überblick zu bekommen. Aber du siehst nichts. Die Wellen kräuseln sich wie immer, kein Wesen weit und breit. Und plötzlich packt dich die Angst. Die Angst vor dem Meer. Bevor du zurück schwimmen willst, möchtest du dich aber erst beruhigen. Du greifst nach dem Bootsrand und kletterst mit großer Anstrengung in das Boot ..."

"Zur Leiche!" flüstert das blasse Mädchen aufgeregt.

"Psst!" sagt Albert nochmals. Dann schlägt er das Buch auf und liest ein paar Seiten nach der vorigen Stelle weiter:

"Und er, dieser Kerl, lag alle viere von sich gestreckt mit dem Gesicht nach oben am Bug des Bootes und beobachtete dich, wie du plötzlich regungslos verharrtest. Du setztest dich am Heck nieder und verschnauftest. Und er gegenüber beobachtete dich auch noch dabei - nein, er sah über dich hinaus, er beobachtete den Himmel. Du warst für ihn überhaupt nicht anwesend. Ja, so ein Typ war das eben. Es gab natürlich auch keine Veranlassung, ihn zu grüßen, sonst hattest du ihn ja auch nie gegrüßt. Er stand auf, wippte ein bisschen mit dem Schaukeln des Bootskörpers, drehte sich um, spreizte die Beine auseinander, stellte sich an den Bug und stemmte die Arme in die Hüften. [...]
Als du nun ebenso aufstandst, schaukelte das Boot so heftig, dass du in der Hüfte abknicken und dich am Bootsrand abstützen musstest. Dieser Kerl hatte schon gelernt, sich allein auf dem Boot zu bewegen, und behielt das Gleichgewicht. Unwillkürlich empfands du Bewunderung für ihn, Bewunderung für diese Arroganz und diesen Blick seiner Augen, in dem Menschen keinen Platz hatten.
"Ah - ah - ah."
Der Wind trug seine Stimme wieder zurück. Dann hatte dieser Kerl nur Stimmübungen gemacht, verdammt, das hätte man sich ja denken können."
"Ah - ah."
Seine Stimme erlosch im Meereswind. Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er frei am Bootsbug und war bis auf seine eng am Hintern klebende Badehose schwarzgebrannt, wie ein Schlammfisch.
"Ah - ah - ah."
Man könnte meinen, er sänge, doch traf er keinen Ton und hatte auch keinen Text. Wissen die Götter, was er da sang - er war schon wirklich ein komischer Kauz. Bestimmt hatte er Depressionen und großen Kummer, wovon nur kein Mensch wusste, und konnte all dies nur dem großen Meer mitteilen, aber mit keinem Menschen darüber sprechen. Daher wolltest du ihn nun doch begrüßen und mit ihm ein paar freundliche Worte wechseln. Er war bestimmt schon sehr lange so depressiv und brauchte doch Kontakt zu irgendjemand.

"Hallo!", sprachst du ihn an.
Er stand am Bug, rührte sich nicht und starrte weiterhin konzentriert auf das Meer.
"Ha - lo!" riefst du ihm mit lauter Stimme zu.
Er wandte sich um und schaute dich an. Gerade als du ihn ansprechen wolltest, drehte er sich zurück und stand wieder unbewegt da. [...]"

Albert klappt das Buch zu und sieht die Zuhörer an.

"Du kannst jetzt doch nicht einfach aufhören!" ruft Palmina empört. "Die Hauptsache kommt sicher erst noch!"

"Wer ist denn dieser Kerl aus dem Boot?" fragt das kleine Mädchen. "Offensichtlich kennt das 'Du' den anderen schon."

"Stimmt", sagt Albert. "Die beiden sind Kollegen, die vom Betrieb einen Urlaub bewilligt bekommen haben. Obwohl sie zusammen arbeiten, haben sie in den vielen Jahren kaum ein Wort miteinander gewechselt und begrüßen sich höchstens mit einem Kopfnicken. Aber jetzt treffen sie sich plötzlich abseits jeder Zivilisation in dem Boot und müssen miteinander kommunizieren."

"Müssen sie gar nicht", sagt der Junge mit dem Basecap. "Dieses 'Du' könnte doch einfach wieder ins Wasser springen und ans Ufer zurückschwimmen."

"Stimmt", sagt Albert. "Aber irgendetwas hält es an der Begegnung fest."

"Die Ignoranz des anderen", sagt Palmina. "Es ist fasziniert von der Kälte des anderen."

"Reagiert denn der Kollege wirklich nicht auf den Gruß?" fragt das kleine Mädchen.

"Ah - ah", macht die Qualle und verzieht ihren kleinen, schmalen Mund zu einem breiten freundlichen Lächeln.

Die Kinder lachen. Sie haben Albert noch nie lächeln sehen und es sieht irgendwie komisch aus.

"Ah - ah", macht Albert wieder und blickt geistesabwesend durch das Glas seiner Flasche.

"Hallo Albert!" sagt der ungeduldige Junge. "Alles o.k. mit dir?"

"Ah - ih - oh - eh - uh", singt Albert laut und falsch, aber voller Inbrunst.

"Ha - lo, hallo", sagt Palmina und klopft an die Flasche.

"Ah - ih - ah - ha- ya."

Albert hört nicht auf zu singen. Er singt dem Wasser in seiner Flasche ein Liedchen, den umstehenden Kindern, den Bäumen hinter den Fensterscheiben.

Die Kinder folgen seinem Blick und sehen weit entfernt über dem Baumwipfel im Himmel die Kondensstreifen eines Flugzeugs, winzig wie ein kleines Spielzeug. Albert hebt beide Arme in die Höhe und winkt ihm einen Gruß zu. Dazu singt er unmusikalische, textlose Lieder.
Die Kinder sehen gebannt auf Albert und fragen sich, inwieweit Alberts sonderbares Benehmen etwas mit der Geschichte zu tun haben könnte.

"Das ist der Funke, der die Geschichte erwärmt", sagt Palmina plötzlich.

Die Kinder drehen sich zu ihr um und sehen sie fragend an.

"Findet ihr nicht, dass wir uns über die komischen Laute Alberts mehr Gedanken machen, als wenn er uns weiter die Geschichte vorlesen würde?"

Die Kinder nicken.

"Und genau das macht wahrscheinlich auch den Zauber der Begegnung in der Geschichte aus", versucht Palmina zu erklären: "Diese absurde, vorsprachliche Kommunikation zwischen den Kollegen geht viel tiefer als es eine banale Erwiderung des Grußes getan hätte!"

"Also handelt die Geschichte doch eher von Wärme und Nähe als von Kälte und Distanz?" denkt das blasse Mädchen laut.

"Warum liest uns Albert dann die Geschichte als ein Stück 'kalter Literatur' vor?" fragt der ungeduldige Junge.

"Weil der Autor Gao Xingjian seine Geschichten selbst so bezeichnet", schaltet sich die Qualle Albert unvermittelt wieder in die Diskussion ein.
Das Lächeln aus ihrem Gesicht ist ganz verschwunden und nichts deutet darauf hin, dass sie sich in den letzten fünf Minuten anders verhalten hätte als sonst.

"Er findet seine eigenen Texte kalt?" fragt das blasse Mädchen verwundert. "Warum wärmt er sie dann nicht ein bisschen auf?"

"Weil er mit Kälte nichts Schlechtes assoziiert", erklärt Albert. "Ihn rettet die Kälte vor dem Ersticken durch die Gesellschaft. Kalte Literatur ist für ihn eine Literatur der Flucht, um sein Leben zu retten, eine selbstlose, eine nutzlose Literatur. Eine warme, kuschlige Literatur dagegen, die den Markt oder eine politische Stimmung bedient, ist ihm ein Greuel."

"Womit wir wieder bei der Isolation und der Abtrennung von der Gesellschaft sind", sagt Palmina. "Und dem 'Du' das ein fremdes ist."

"Ein 'Du', das eigentlich 'Ich' ist", korrigiert das kleine Mädchen.

"Auf jeden Fall gibt es kein wärmendes 'Wir'!" sagt Palmina.

"Jetzt verstehe ich gar nichts mehr!" sagt der ungeduldige Junge. "Geht es Gao Xingjian jetzt um Nähe oder Distanz? Und ist die Geschichte 'Auf dem Meer' heiß oder kalt?"

"Ah - Ah - ih - oh - eh - uh / Ah - ih - ah - ha- ya", singt Albert zur Antwort und dreht sich auf die andere Seite.

Und damit ist der literarische Salon für dieses Mal offensichtlich beendet!

* * *

Gao Xingjian: Auf dem Meer. In: Auf dem Meer. Erzählungen. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2000.

 © Rossipotti No. 17, Februar 2008