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Rossipottis 11 Uhr Termin

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Mehr von Zackarina und dem Sandwolf

von sa Lind (Text) und Philipp Waechter (Illustrationen)

Herbstlaub

Zackarina stand am Fenster und sah hinaus. Es war jetzt richtiger Herbst und der Wind zerrte an den gelben und roten Blättern. Ein perfekter Tag, fanden Mama und Papa, um drinnen im Warmen zu sitzen, Tee zu trinken und ein Buch zu lesen.
Sie saßen also im Sofa, hatten die Nasen tief in die Bücher gesteckt und raschelten leise mit den Buchseiten. Aber Zackarina hatte keine Lust, nur dazusitzen.
"Ich will etwas machen", sagte sie. "Ich will rausgehen."
"Mmm", sagte Mama und blätterte eine Seite im Buch um.
"Zieh deinen Pullover an", sagte Papa und schlürfte seinen Tee.
Zackarina zog sich an und ging hinaus. Das herbstliche Wetter zersauste die Haare und kniff in die Wangen. Die Sonnenstrahlen schimmterten auf den schaumigen Wogen.
Unten am Strand, direkt am Waldrand, hatte der Wind das Laub zu großen, wunderbaren Haufen zusammengeweht.
Zackarina warf sich in einen Laubhaufen.
"Hallo", raschelte eine Stimme zwischen den Blättern. "Dieser Haufen ist bereits besetzt!"
Der Sandwolf schaute hervor, gelb wie eine herbstliche Birke und froh wie ein Sturm. Er wedelte mit dem Schwanz, sodass das Laub umherwirbelte.
Zackarina lachte, nahm beide Hände voller Laub und warf es auf ihn.
Er warf Blätter zurück, und dann hatten sie eine Laubschlacht, bis sie so außer Puste waren, dass sie kein einziges Blatt mehr aufheben konnten.
Sie legten sich rücklings ins Laub und sahen zum Himmel hinauf, wo eine graue Wolke die andere jagte.
"Mama und Papa lesen heute nur", sagte Zackarina. "Sie sitzen und sitzen und lesen und lesen."

Der Sandwolf hob den Kopf hoch. Seine Ohren waren gespitzt.
"Aha?", sagte er. "Lesen sie Bücher?"
"Ja", sagte Zackarina.
Jetzt wurde der Sandwolf sehr neugierig. Er wollte genau wissen, was für Bücher sie zu Hause hatten. Waren sie dick oder dünn? Welche Farbe hatten sie? Und er wollte wissen, wie sie rochen und wie sie klangen - wenn man zum Beispiel auf sie klopfte oder in ihnen blätterte.
"Du magst offensichtlich Bücher", sagte Zackarina.
Der Sandwolf sah sie erstaunt an.
"Mögen?", fragte er. "Ich mache sie ja!"
Zackarina lachte.
"Stimmt doch gar nicht", sagte sie.
Sie wusste nämlich, dass Bücher von Menschen gemacht wurden. Von Leuten, die Schriftsteller waren und deren Arbeit das Schreiben war. Und das sagte sie dem Sandwolf. Er sagte, das sei ganz richtig. Das seien die, die auf ihre Buchstabenmaschinen drückten und die Wörter zusammenstöpselten.
"Aber Buchstaben schreiben", sagte er, "das kann fast jeder."
"Aber was machst du denn?", fragte Zackarina.
Der Sandwolf streckte sich und lächelte mit seinen tausend weißen, scharfen Schneckenhauszähnen.
"Ich", sagte er, "ich bin die Erzählungen."
Er machte einen flotten Purzelbaum im Laub.
"Die Geschichten", sagte er, "die Einfälle, die Märchen - sie kommen von mir!"
Und dann nahm er ein Blatt auf und atmete es mit seinem wüstenwarmen Atem an.
Da geschah etwas Merkwürdiges. Das Blatt schien zu erwachen und fing zu singen an. Und nicht nur das - es zitterte und tanzte, es flüsterte und lachte im Laub!
"Ein Fisch!", rief Zackarina. "Hast du das gesehen?"
"Das Märchen von Sören und den sizilianischen Sardinen", sagte der Sandwolf und warf das Blatt in die Luft.
"Nein, halt!", rief Zackarina. "Ich will es mir ansehen! Was ist dann passiert?"
Aber der Wind hatte das Blatt bereits verweht. Wie ein gelber Schimmer stieg es zum Himmel auf und flog davon. Der Sandwolf sagte, es gebe überall Geschichten, im Laub, in Stöcken, in Libellen und Schraubenziehern und in verlorenen Handschuhen.
"Und wenn ich atme, dann erwachen die Märchen", sagte der Sandwolf. "Ich mache sie ein bisschen deutlicher, damit die Menschen sie sehen können."
"Ja, aber wie werden aus dem Laub Bücher?", fragte Zackarina. "Und aus den Handschuhen?"
Der Sandwolf sagte, dies sei ziemlich einfach. Das Einzige, was passieren müsse, sei, dass jemand die Handschuhe oder das Laub verstehe und für andere erzählen könne - in einem Buch zum Beispiel.
"Allerdings gibt es Menschen, die Geschichten weder sehen noch hören", sagte er. "Ihre Köpfe sind sozusagen zugeklebt."
"Aber ich habe das Märchen im Blatt gesehen", sagte Zackarina. "Ich habe den ganzen Anfang gesehen."
Der Sandwolf nickte.
"Kinder haben gewöhnlich sehr gute Augen", sagte er.
Dann tauchte er in den Laubhaufen und verschwand. Zackarina hörte, wie er dort unten wühlte und blies und atmete. Der ganze Haufen fing an zu singen und zu rascheln und zu flüstern und zu tanzen.
Zackarina nahm die Arme voll goldgelber Herbstblätter und lief nach Hause. Mama und Papa saßen genau wie vorher mit ihren Büchern da. Zackarina stürmte herein und ließ das Laub auf den Boden fallen.
"Seht nur!", sagte sie. "Ich habe ein Märchen gefunden!"
Mama hob ihre Nase aus dem Buch.
"Aber Zackarina", sagte sie. "Warum bringst du denn den ganzen Dreck mit ins Haus?"
"Oh nein", sagte Papa. "Was ist das denn? Laub?"
Mama beugte sich vor und sah sich die Blätter genau an.
"Sie sind allerdings außergewöhnlich schön", sagte sie.
"Schh! Hört zu!", sagte Zackarina.
Sie setzte sich und breitete das Laub auf dem Teppich aus und fing an zu erzählen:
"Es war einmal ein Mädchen, das in einem Haus am Meer wohnte."
"Was erzählst du da?", fragte Mama. "Handelt es von dir?"
"Wir werden sehen", sagte Zackarina.
Sie drehte ein Blatt um und da kam Mama und dann Papa.
Die beiden setzten sich neben Zackarina und hörten zu.

Es war einmal ein Mädchen, das an einem Strand spielte.
Dort wohnte ein Wolf.
Sie waren Freunde.

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Die Geschichte wurde Rossipotti freundlicherweise vom Beltz & Gelberg zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!
Diese und noch andere wunderbar zarte Geschichten von Zackarina findet ihr in:
Åsa Lind: Mehr von Zackarina und dem Sandwolf. Aus dem Schwedischen übersetzt von Jutta Leukel. Mit Illustrationen von Philip Waechter. Beltz & Gelberg 2005.

 

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Die Brücke

von Franz Kafka (Text und Illustration)

Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. - So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.
Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendeste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.
Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschischges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

Aus: Franz Kafka. Sämtliche Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. Main 1991.

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Paulines Traum

von Meike Haas

Pauline träumte nie. Obwohl sie so gern wollte. Alle träumten: Jonas träumte, dass er wilde Löwen jagen und Hanna, dass sie fliegen würde. Karl träumte, dass er in einem Zimmer mit riesengroßen Möbeln wohnen und Miriam, dass sie sich wie ein Maulwurf in die Erde graben würde. Nur Pauline erwachte jeden Morgen aus einem dunklen, bilderlosen Schlaf.
"Nichts", sagte sie. "Ich habe schon wieder nichts geträumt."
Doch dann kam Freitag, der 10. August. Er fing schon so seltsam an. Pauline wachte auf und wollte aus ihrem Bett steigen. Als sie die Beine über die Kante schwang, kitzelte es sie an den Fußsohlen. Unter ihrem Bett wuchs eine Wiese! Pauline zog ihre Füße zurück. Sie lauschte. Das Gras zischelte leise beim Wachsen. "Ssssswischsssswischsisissiwisch." Und es wuchs schnell: Jetzt lugten die ersten Grashalme schon über den Bettrand. Jetzt reichten sie bis zu Paulines Knien!
"Bevor ich nichts mehr sehe, springe ich!", dachte Pauline und stellte sich auf den Bettrand wie auf das Sprungbrett im Hallenbad. Sie wippte ein wenig in den Knien, streckte die Hände nach oben, stieß sich ab - und fühlte eine gewaltige Kraft unter den Armen. Sie fiel nicht nach unten, sie flog! In wenigen Schwimmzügen war sie oben bei der Lampe. Sie umrundete sie zwei mal, sah viel Staub auf dem Lampenschirm liegen und flog dann weiter zum Schrank. Hier oben entdeckte sie die giftgrüne Spritzpistole, die sie Mama hatte geben müssen, weil man im Zimmer nicht mit Wasser spielen darf. Pauline streckte die rechte Hand danach aus und ruderte mit dem linken Arm weiter. Sie erwischte die Spritzpistole und flog mit ihr zum geöffneten Fenster hinaus.
Bestimmt drei Stunden lang segelte sie über blühende Wiesen. Als es ungefähr Mittag war, kam sie an einem Fluß an. Sie landete und füllte ihre Spritzpistole auf. Da hörte sie ein Rascheln auf der anderen Seite des Ufers. "Ein Löwe!", dachte Pauline. "Ich muss ihn erlegen!"
Sie flog so dicht über die Wiese, dass die Grashalmspitzen an ihrem Bauch kitzelten. Dann entdeckte sie den sandfarbenen Rücken. Pauline sauste auf ihn zu. Der Löwe floh. Er rannte. Das Gras wogte hin und her. Pauline hielt die Pistole mit beiden Händen vor sich und flitzte hinterher. Plötzlich hielt der Löwe an, drehte sich um, richtete sich auf und öffnete sein riesiges Maul. Pauline drückte ab. Der Wasserstrahl landete direkt auf der rosafarbenen Zunge.
"Uaahhhhhhh!!!", brüllte der getroffene Löwe und wollte sich auf Pauline stürzen, doch Pauline tauchte ab, versteckte sich im mannshohen Gras und kroch kopfüber in einen Maulwurfshügel hinein. Sie war zu groß. Nur die Arme passten in den schmalen Gang. Hinter sich hörte sie den Löwen brüllen. "Ich muss kleiner werden!", dachte sie. "Kleiner, immer kleiner, immer kleiner", und schon spürte sie, wie ihr Kopf in den Gang rutschte. Auch der Po passte auf einmal hinein und die Beine sowieso.
Pauline sah nichts mehr. Aber sie roch die frisch umgewühlte Erde und sie fühlte den kalten, feuchten Dreck. Zuerst robbte sie den Gang entlang, aber bald schon konnte sie krabbeln. Offensichtlich schrumpfte sie noch immer. Als Pauline schließlich aufrecht gehen konnte, fiel ein wenig Licht in den Gang. Das Licht kam aus einem riesigen Saal mit hohen Holzwänden. Er war nicht beleuchtet, aber durch die Ritzen in der Wand fiel von außen Licht. Pauline trat in den Saal. Die Decke war so hoch, dass sie sie nicht sehen konnte, aber es kam ihr so vor, als hingen dort oben Stoffbahnen in der Luft. Pauline ging an der Wand entlang und kam zu einer Spalte, die so groß war, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Aber vor der Spalte war ein Abgrund, aus dem riesige Grashalme emporwucherten. Sie schlang ihre Arme um den nächstgelegenen Halm und ließ sich langsam an ihm heruntergleiten. Dabei sah sie nach oben, an der Holzwand entlang. Es war ihre Schranktür! Nur zehn Mal so groß wie sonst.
Pauline wanderte durch einen Wald aus Grashalmen und Blumenstängeln und kam nach einstündiger Wanderung an ihrem Bettpfosten an. An einem weit verzweigten Hahnenfuß kletterte sie hinauf. Völlig erschöpft erreichte sie in der Abenddämmerung ihr Bett. Sie legte sich hin und schlief sofort ein.
Schlief ein und hatte einen Traum: Von einem ganz normalen Zimmer, einem ganz normalen Frühstück und einem ganz normalen Schulweg mit Jonas, Hanna, Karl und Miriam.

Meike Haas hat diese erstaunliche Geschichte extra für Rossipotti geschrieben. Toll!
Wenn ihr noch mehr von Meike lesen möchtet, empfehle ich euch den Roman "Piratenjäger". Neben Piraten könnt ihr dort mit Karla und dem Kapitän Fippe Geier, Bollerrösser, Meerjungfrauen, Unterwassercafés und den achten Kontinent entdecken. Mehr dazu findet ihr beim Loewe-Verlag.

 

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 © Rossipotti No. 9, Oktober 2005