[Diese Seite drucken]

Rossipottis Leibspeise
und andere Lieblingsbücher

Rossipottis Leibspeise:

 

Hugo, das Kind in den besten Jahren

"Am liebsten würde ich 'Hexen hexen' von Roald Dahl oder 'Alice im Wunderland' von Lewis Carroll vorstellen. Aber diese Bücher sind ja leider viel zu bekannt", seufzt Rossipotti. "Mit den anderen Hexen- und Verwandlungsbüchern, die zur Zeit massenweise auf den Markt kommen, kann ich nicht besonders viel anfangen."

"Du könntest aber trotzdem eines davon vorstellen", schlage ich Rossipotti vor. "Kinder verschlingen vor allem diese Bücher."

"Ich kann mir auch vorstellen, warum", grunzt Rossipotti. "Ich laufe auch lieber als Zauberer durch die Gegend als gewöhnliches Krokodil. Trotzdem möchte ich hier etwas vorstellen, was größer, phantastischer und witziger ist als dieser ganze Hexenverwandlungskram."

Rossipotti läuft an seinem Buchregal auf und ab und zieht schließlich ein relativ dickes Buch von Christine Nöstlinger heraus.

"Ich glaube, ich habe das Richtige gefunden!" sagt Rossipotti zufrieden. "Es ist zwar auch von einer bekannten Autorin geschrieben, das Buch selbst ist aber eher unbekannt. Wenn ich mich nicht recht irre, kann man es zur Zeit nicht einmal im Buchladen bestellen. Eine Frechheit, wenn man es richtig bedenkt. Denn meiner Meinung nach ist das Buch unglaublich gut. Es ist geradezu eine Metamorphose des Buchs an sich. Es kommt zwar keine einzige richtige Verwandlung darin vor, aber die Geschichte strotzt trotzdem nur so von Verwandlungskraft."

"Irgendwie habe ich den Faden verloren", mache ich mich bemerkbar. "Von welchem Buch redest du eigentlich?"

Rossipotti sieht mich ein wenig verärgert an: "Sag mal, hörst du mir denn überhaupt nicht zu? Von 'Hugo, das Kind in den besten Jahren' natürlich!"

"War das nicht der fünfzigjährige Junge, der immer noch bei seinen Eltern wohnt? Und dessen Mutter ihn zwar geboren hat, aber eigentlich ein Mann ist? Und der in einem seiner Bücher das verkleidete Damenorchester gefangen hält?"

"So wie du das darstellst, hat man das Gefühl, dass es sich bei Hugo um eine schwachsinnige, niederträchtige Person handelt. Dabei ist er das Innbild eines vernünftigen, humanen Menschen", schnaubt Rossipotti. "In diesem Buch ist alles möglich, obwohl es trotzdem seinen eigenen, strikten Regeln folgt. Es gibt wenige Bücher, die realistische Bilder so gewaltig auseinanderreißen, vermischen und wieder zusammensetzen, dass etwas völlig Neues entsteht. Das ist die Verwandlungskraft, von der ich vorhin sprach." Rossipotti sieht mich skeptisch an und fährt dann fort: "Stelle es bitte vor, und betrachte alles aus der richtigen Perspektive! Wenn du deinen Teil gut machst, darfst du nachher ein Buch nach deinem Geschmack vorstellen."

Was bildet sich Rossipotti eigentlich ein? Erstens betrachte ich immer alles aus der richtigen Perspektive. Zweitens lasse ich mich nicht erpressen, und drittens gefällt mir das Buch "Hugo" mindestens genauso gut wie Rossipotti! Als zerlegter, aber noch lebender Fisch ist es mir äußerst wichtig, dass es Leute wie Hugo gibt. Leute, die an das Unmögliche glauben und es auch umsetzen.

Damit ihr das Buch möglichst schnell lesen könnt, fasse ich mich kurz:

Christine Nöstlinger hat das Buch "Hugo" zu surrealistischen Bildern des Graphikers Jörg Wollmann gemalt.
Dass Bilder zuerst da sind, und dazu anschließend der Text geschrieben wird, ist äußerst selten. Meistens ist es umgekehrt. Warum das so ist, weiß ich nicht. Denn wie man bei Christine Nöstlingers Buch sieht, können auf diese Weise phantastische, ideenfunkelnde Bücher dabei herausgekommen. Umso komischer ist es, dass der Beltz&Gelberg Verlag dieses Gesamtkunstwerk bei den folgenden Ausgaben zerstört hat. Statt den Originalzeichnungen hat er dem Text harmlose, beinahe kitschige Bilder beigefügt, die der grandiosen Geschichte zwar nicht schaden, sie aber auch nicht so beflügeln wie die Bilder von Jörg Wollmann. Ich rate euch also, das originale Buch zu besorgen.
Um was es in dem Buch eigentlich geht? Um Hugo, das Kind in den besten Jahren, alte Kinder und wie sie die Welt erleben. Da gibt es beispielsweise die Aufdeckerin, die unter ganz gewöhnlichen Pflastersteinen kleine Wohnungen entdeckt, oder ein Mädchen, das ihr Haus tagsüber als Luftballon durch die Gegend trägt, oder das dicke Kind, das dreidimensionale Teppiche knüpft, oder...
Aber was soll ich hier lange erzählen? Lest selbst! Ihr werdet es nicht bereuen.

Christine Nöstlinger: Hugo, das Kind in den besten Jahren. Beltz&Gelberg Verlag. Weinheim und Basel 1983. 316 Seiten. (Das Buch gibt es erst wieder ab Mai 2005. Ihr findet es im Moment aber sicher in den meisten Kinderabteilungen der Bibliotheken.)

 

Meta Morfoß

"Wenn man das Thema Metamorphosen behandelt, muss man eigentlich auch 'Meta Morfoß' von Peter Hacks vorstellen", überlegt Rossipotti. "Die Geschichte ist zwar eher unspektakulär und auch beinahe so kurz, dass es sich gar nicht lohnt, dafür das Maul zu öffnen. Aber fehlen darf sie trotzdem nicht."
Mit diesen Worten macht es sich Rossipotti wieder in seinem Sessel bequem, schlägt sein Buch auf und ist nicht mehr ansprechbar.

Hm. Meta Morfoß also. Was soll ich dazu schon sagen? Es ist eben eine Geschichte, die es geben muss. Bei der es einfach nicht vorstellbar ist, dass es sie nicht gibt. Und das nicht, weil sie besonders schön oder einfallsreich oder witzig wäre. Sondern einfach aus dem Grund, weil sie von nichts anderem als einer unserer ursprünglichsten Sehnsüchte erzählt: Vom Verwandeln.

In der ganzen Geschichte passiert nämlich nichts anderes, als dass sich das kleine Mädchen Meta einmal in einen Engel, ein anderes Mal in eine Dampflok und wieder ein anderes Mal in ein Krokodil (!) verwandelt. Wenn sich andere dabei erschrecken, was durchaus vorkommt, sagt das Mädchen immer entschuldigend: "Aber ich bin doch die Meta!"
Und jetzt überlegt einmal, könnt ihr euch vorstellen, dass es so eine Geschichte nicht gibt? Eben nicht, genau! Denjenigen, die sich trotzdem noch darüber wundern, kann ich nur sagen: "Aber das ist doch die Meta!"

Peter Hacks: Meta Morfoß. Mit Illustrationen von Gisela Neumann. Kinderbuchverlag Berlin 1975. 39 Seiten. (Zuletzt ist das Buch 1998 bei Middelhauve erschienen.)

 

Emilys Geheimnis

Rossipotti ist auf seinem Sessel mal wieder zu Stein geworden.
Aber das macht nichts. Das letzte Buch stelle ich euch heute ja ohnehin alleine vor.
Ich habe mir "Emilys Geheimnis" ausgesucht.
Erstens weil es einen Kontrast zu Rossipottis Geschmack darstellt, dessen Bandbreite ich hin- und wieder vergrößern möchte. Und zweitens, weil das Buch meiner Meinung nach nicht so schlecht ist wie vieler seiner Kollegen. Warum aber sind die meisten Verwandlungs- und Harry Potter-Nachahmer-Bücher schlecht? Weil sie nur geschrieben wurden, um gekauft zu werden. Und woran merkt man das? Weil sie hauptsächlich Klischees der Fantasy-Literatur gebrauchen, eine kräftige Prise Bosheit und eine kleine Prise Heldentum reinmischen und dann das Ganze umrühren. Sie entwickeln nichts eigenes und glauben selbst nicht an das Recht ihrer Existenz.
Bei "Emilys Geheimnis" ist das anders. Ich denke, die Autorin wollte mit ihrem Buch wirklich eine Geschichte erzählen. Und zwar von einem Mädchen, das plötzlich eine Fähigkeit in sich entdeckt, die sie zuvor nie bemerkt hat und die sie völlig verwandelt. War Emily nämlich vor ihrer Entdeckung ein etwas unauffälliges, eigenbrötlerisches Mädchen, wird sie danach plötzlich aufgeweckt und tatendurstig. Sie findet eine beste Freundin und mit deren Hilfe sogar ihren verloren geglaubten Vater.

Dieses durchaus realistische Thema ist in eine phantastische Geschichte verpackt. Denn Emily ist, wie sie herausfindet, kein gewöhnliches Menschenmädchen, sondern zur Hälfte eine Wassernixe! Jedes Mal, wenn sie mit ihrem ganzen Körper ins Wasser kommt, verschmelzen ihre Beine und werden zum Fischschwanz.
Dass Emily unter Wasser spannendere Abenteuer erlebt als über der Wasseroberfläche, könnt ihr euch sicher denken. So besucht sie beispielsweise eine Nixenschule, erkundet versunkene Schiffe und erfährt schließlich sogar etwas über ihre geheimnisvolle Herkunft.
Weil die Autorin aber den phantastischen und den realistischen Bereich immer wieder miteinander verknüpft, verliert man die eigentliche Aussage nie aus dem Auge. Und die heißt: Überschreite deine Grenzen und du wirst Dinge entdecken, die du vorher nicht für möglich gehalten hast.

Liz Kessler: Emilys Geheimnis. Aus dem Englischen von Eva Riekert. S. Fischer Verlag GmbH. Frankfurt am Main 2004. 251 Seiten.

 

 © Rossipotti No. 5, Oktober 2004